So wurde getestet
Unser Testteam bestand aus erfahrenen Bikern und einer Bikerin mit unterschiedlichem Mountainbike-Background. Vor jeder Fahrt wurden die Fahrwerke individuell auf jeden Fahrer abgestimmt. Nach jeder der ausgedehnten Runden hielten alle ihre Eindrücke in einem Testbogen schriftlich fest, um die Ergebnisse dann in der Runde zu diskutieren und zu analysieren. Im Mittelpunkt stand weniger der Vergleich der Modelle untereinander. Ziel ist es vielmehr, eine möglichst treffende, individuelle Analyse der Fahreigenschaften jedes Modells zu erarbeiten.
Leichte E-Bikes liegen im Trend
Natürlich – viele Biker finden es angenehm, sich von einem kraftvollen Motor quasi den Berg hinauf shutteln zu lassen. Die Verkaufszahlen bestätigen das. Das von Bikes mit starkem Antrieb generierte Uphill-Flow-Gefühl zeigt Wirkung. Mittlerweile werden in der Schweiz annähernd genauso viele E-MTBS verkauft wie Mountainbikes ohne Motor. Der Mensch ist eben ein Faultier. Doch gerade weniger kräftige Fahrer und Fahrerinnen kritisieren das teils mühsame Handling von E-Mountainbikes, die deutlich über der Schallmauer der 20 Kilogramm liegen. Das fängt beim Hieven auf den Bike-Träger an und hört beim Stemmen über den Weidezaun auf der Alp noch lange nicht auf. Schwere E-MTBs erfordern auch beim Fahren Kraft. Auch wenn sie satt und sicher auf dem Trail liegen, kostet es einiges an Power und erfordert eine routinierte Fahrtechnik, sie auf verschlungenen oder fahrtechnisch anspruchsvollen Trails auf Linie zu halten, in die Kurve zu drücken und wieder aufzurichten. Nicht jedermanns Sache. Und schon gleich nicht jederfraus Ding.
Mittlerweile gibt’s die Trendwende. E-MTBs unter 20 Kilogramm sind mittlerweile keine Rarität mehr. Dies zeigt den Wunsch: E-Mountainbikes sollen keine Motorräder sein. Gerade sportliche Rider wollen sich aktiv betätigen beim E-Mountainbiken, wenn auch ohne extreme Belastungsspitzen. Oder sie suchen selbst das Limit, wenn sie bergauf fahrtechnisch knifflige und steile Trails rocken, die ohne Motorunterstützung gar nicht fahrbar wären. Das Gefühl von «Ich bin erster» (am Gipfel) scheint nur einen Teil der E-Mountainbiker zu interessieren. Mehr und mehr scheinen E-MTBs, die sich leicht und agil manövrieren lassen, ein sehr erfolgversprechendes Konzept zu sein. Jedenfalls ist die Zahl der gewichtsreduzierten E-MTB-Modelle mit entsprechenden Light-Antrieben diese Saison nochmals deutlich angestiegen. Das spiegelt auch unser aktueller E-Mountainbike Test 2024 wider. Von sieben getesteten E-MTBs sind fünf mit Light-Antrieben ausgestattet.
Drei verschiedene Light-Antriebe kommen bei den getesteten E-MTBs zum Einsatz. Der TQ HPR 50, der Fazua Ride 60 und der Bosch Performance SX. Jeder dieser Motoren hat seine eigene Charakteristik. Die wichtigsten Features dieser Antriebe haben wir weiter unten im Abschnitt «Die Motoren des E-MTB Tests 2024» zusammengestellt. Die E-Motoren sind teils so kompakt, dass die Bikes auf den ersten Blick kaum als E-MTBs erkennbar sind.
Wie die Hersteller Leichtantriebe definieren, geht mittlerweile ähnlich weit auseinander wie die Interpretation in der Einsatzbereiche, wo die Kategorien Trail-Bikes oder Enduro-Bikes längst miteinander verschmelzen. Die Bezeichnung «Minimal-Assist-Antrieb» gilt mittlerweile nicht mehr uneingeschränkt für alle Leichtbau-Motoren. Der in der vergangenen Saison vorgestellte Bosch Performance SX Motor ist von der Leistung her eher zwischen den herkömmlichen Minimal-Assist Leichtantrieben und herkömmlichen Full-Power E-Bike-Motoren wie dem Shimano EP8 oder dem Bosch Performance CX einzuordnen. Und auch der Fazua Ride 60 tendiert in diese Richtung.
Der Gewichtsunterschied schrumpft: So leicht waren die E-MTBs im Test
Fahreigenschaften, die denen nicht motorisierter Mountainbikes nahekommen, dazu ein satter Grip, Laufruhe und gute Traktion sind längst keine Seltenheit mehr bei leichten E-MTBs. Möglich machen das neben dem attraktiven Gewicht ein paar konstruktionstechnische Kniffe. Dämpferposition und Schwerpunkt liegen tief, nahe am Tretlager. Flache Lenkwinkel sorgen für Sicherheit ohne Angst vor Überschlägen auf steilen Abfahrten. Wie auch bei den nicht motorisierten Mountainbikes vermischen sich die Kategorien Trail und Enduro. Vielseitigkeit ist angesagt. Was nicht zuletzt auch die Antriebe widerspiegeln.
Mit 18,6 Kilogramm war das Superior iXF 9.2 das leichteste E-MTB mit Light-Antrieb im Test, das Bergstrom Flow 3 mit 20,9 Kilogramm das schwerste. Doch die Gewichtsangaben allein sind nur bedingt aussagekräftig. Denn die Bikes sind auf unterschiedliche Einsatzbereiche ausgelegt. So ist das Superior bevorzugt für weniger ruppiges Gelände gebaut. Die etwas schwereren Modelle von Scott und Santa Cruz dagegen schlagen sich auch auf harten Enduro-Strecken beachtlich. Dass 18 bis 19 Kilogramm noch nicht das Ende der Fahnenstange bei Leichtbau E-MTBs sind, zeigte bereits der BORN-Test vor zwei Jahren. Mit kostspieliger, leichter Ausstattung und einem kleinen Akku realisiert Custom-Bike-Spezialist Thömus Light-E-MTBs unter 15 Kilogramm. Allerdings zielt deren Einsatz dann eher auf XC-Strecken als auf raues, alpines Enduro-Gelände ab. Festzuhalten bleibt allerdings: Bei den getesteten Bikes handelte es sich überwiegend um sehr hochwertige Modelle. Bei Modellen mit günstigerer Ausstattung ist die 20-Kilogrammm-Marke immer noch eine nicht ganz einfach zu reissende Barriere. Für künftige Entwicklungen bleibt also immer noch Luft nach oben.
Das Gewicht der beiden Test-Bikes mit herkömmlichen, stärkeren Antrieben lag im gewohnten Durchschnitt. Das Flyer Uproc X (Bosch Performance CX Antrieb) bringt 23,7 Kilogramm auf die Waage, das E-Enduro Bixs Lane EX (Yamaha PW-X3 Antrieb) 23,9 Kilogramm.
Die E-Mountainbikes im Testfeld
Der Mythos um den besten E-Bike Motor: Diese E-Bike Motoren waren im Test dabei
Bosch Performance SX
Charakter: Der Bosch Performance Line SX mag nicht der leichteste oder kompakteste Motor für E-Bikes sein. Dafür bietet er einen eindrucksvollen Kompromiss zwischen Full-Power-Motoren und Minimal-Assist-Antrieben. Er übertrifft in Sachen Leistung die Minimal-Assist-Motoren und kombiniert dies mit einem sehr natürlichen Fahrerlebnis. Bei einer hohen Trittfrequenz kann er im Uphill sogar mit den leistungsstärkeren Full-Power-Motoren wie dem Bosch Performance CX mithalten.
- Gewicht: 2,0 kg
- Drehmoment: 55 Nm
- Akku: 400 Wh
- Zusatzakku (Range Extender): 250 Wh (optional)
- Leistung: 450 W (kurzfristige Maximalleistung 600 W)
- Akkustik: leise
Fazua Ride 60
Charakter: Der Fazua Ride 60 zählt zu den leistungsstärkeren Modellen in der Kategorie der Minimal-Assist-Motoren. Bei niedriger Trittfrequenz liefert er eine ähnliche Geschwindigkeit wie der Bosch Performance Line SX. Allerdings ist die Leistungsregulierung des leisen Antriebs im höchsten Unterstützungsmodus weniger feinfühlig. Das Fahrgefühl ist daher einen Tick weniger harmonisch. Der Akku ist für einen Leichtantrieb relativ gross. Der Ride 60 bietet daher eine attraktive Reichweite.
- Gewicht: 1,9 kg
- Drehmoment: 60 Nm
- Akku: 430 Wh
- Zusatzakku (Range Extender): 210 Wh (optional)
- Leistung: 450 W
- Akkustik: sehr leise
TQ HPR 50
Charakteristik: Der TQ HPR 50 Motor zeichnet sich bergab und auf flachen Strecken durch ein Fahrgefühl aus, das stark an Mountainbikes ohne Motor erinnert. Im Vergleich zu anderen Leichtantrieben, wie dem Fazua Ride 60 und dem Bosch Performance Line SX, verlangt er vom Fahrer bergauf einen höheren Leistungs-Input. Am besten und harmonischsten funktioniert er in höheren Trittfrequenzbereichen. Auch wenn er nicht zu den stärksten zählt, lassen sich mit ihm auch steile Anstiege bewältigen.
- Gewicht: 1,85 kg
- Drehmoment: 50 Nm
- Akku: 360 Wh
- Zusatzakku (Range Extender): 160 Wh
- Leistung: 300 W
- Akustik: extrem leise
Bosch Performance CX
Charakter: Auch wenn es stärkere Antriebe gibt – der Bosch Performance Line CX hat sich aus gutem Grund als Marktführer etabliert. Das liegt an seiner Vielseitigkeit und der ausgewogenen, intuitiven Unterstützung. Egal ob entspannte Touren oder anspruchsvolle Enduro-Einsätze – der Bosch CX ist längst ein Klassiker mit kraftvoller Beschleunigung.
- Gewicht: 2,9 kg
- Drehmoment: 85 Nm
- Akku: 750 Wh
- Zusatzakku (Range Extender): 250 Wh (optional)
- Dauerleistung: 250 W (maximal 600 W)
- Akustik: mittlere Lautstärke
Yamaha PW-X3
Charakter: Der Yamaha PW-X3 liegt mit einem Drehmoment von 85 Nm auf einer Höhe mit dem Bosch CX Antrieb. Allerdings ist die Kraftentfaltung weniger gleichmässig und natürlich.
Der PW-X3 bietet viel Schub, den er insbesondere in der höchsten Unterstützungsstufe gerne abrupt freisetzt. Auf fahrtechnisch anspruchsvollen Singletrails sind eine routinierte Fahrtechnik und ein sensibler Umgang mit dem Druck aufs Pedal nötig, um in kniffligen Fahrsituationen die Kontrolle zu behalten.
- Gewicht: 2,75 kg
- Drehmoment: 85 Nm
- Akku: 630 Wh
- Zusatzakku (Range Extender): 360 Wh (optional)
- Dauerleistung: 250 W
- Akustik: mittlere Lautstärke
Overall Performance und Fazit
Immer mehr Hersteller springen auf den Trend Light-E-MTBs auf. Das beflügelt die Innovationskraft und verbessert die Fahrwerke. Mittlerweile hat sich die Light-Klasse als attraktive Alternative zu den herkömmlichen vortriebs- und reichweitenstarken E-Mountainbikes etabliert. In puncto Fahreigenschaften überzeugen die Leichtgewichte durch die Bank. Damit werden E-MTBs auch für Biker interessant, die E-Antrieben aus Gewichtsgründen und wegen des kraftintensiveren Handlings bislang skeptisch gegenüberstanden. Tatsächlich können Light-E-MTBs für einen grossen Teil der Zielgruppe mittlerweile die besseren E-Mountainbikes sein. Damit sind die Leichtgewichte mit sanfter Motorunterstützung ein echter Game-Changer – zumindest dann, wenn man nicht auf Teufel komm raus der erste am Gipfel sein will. Eine Klasse, die das Zeug dazu hat, das Mountainbiken nachhaltig zu verändern.
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