7 Bikes im Test:
die schnellsten Enduros und Trailbikes 2020

07.05.2020

Artenschutz Programm

Die Konkurrenz durch E-MTBs wächst, doch das traditionelle Mountainbike ist noch lange nicht aus dem Rennen. Die neuesten Innovationen entpuppen sich als erfolgreiches Artenschutzprogramm für nichtmotorisierte Bergvelos. Das Resultat: fetter Fahrspass auf Enduro- und Trail-Bikes.
E-Mountainbikes überholen konventionelle Bikes mit Muskelantrieb nicht nur bergauf auf den Trails. Auch in der Käufergunst legen sie ordentlich zu. Doch die Entwickler traditioneller Bikes kontern mit einer Technikoffensive und einer Steigerung der Fahrperformance. Die Urteile der BORN-Tester beim Check der Trail- und Enduro-Bikes, Jahrgang 2020, zeigen klar: Auch wenn sich immer mehr Biker von Untersätzen mit E-Antrieb verzaubern lassen ist «Bio» immer noch in. Denn «Bio» tut gut, auch wenn man etwas härter arbeiten muss – oder gerade deswegen. Und: Die 2020er-Generation hat das Potenzial, den Piloten ein Grinsen ins Gesicht zu zaubern – egal, ob bergauf oder bergab.

Nach über 30 Jahren Entwicklung ist das Mountainbike an einem Punkt angekommen, an dem die ganz grossen jährlichen Revolutionen wohl erst einmal vorbei sind. Das heisst allerdings nicht, dass sich technisch nichts mehr bewegt. Im Gegenteil: Die Hersteller nutzen die Gelegenheit, die bestehenden Geometrien in Ruhe zu optimieren, die Laufradgrössen passend abzustimmen und Details zu verbessern. Was sieben Firmen zum aktuellen BORN-Test geschickt haben, lässt sich treffend mit einem Wort zusammenfassen: beeindruckend.

Sieben Trailbikes und Enduros im Test

Die auf Abfahrtsperformance ausgelegten Enduros werden auch bergauf immer fitter, bergab lassen sie mit üppigen Federwegen ohnehin keine Zweifel an ihren Fähigkeiten. Wer die Herausforderung auch auf langen und steilen Anstiegen sucht, ist mit einem modernen Trailbike bestens bedient. Die Uphill-Qualitäten reichen, abgesehen vom höheren Gewicht, fast schon an Cross-Country-Bikes heran. Spitzenreiter waren hier das Orbea Occam M10 und das Trek Fuel EX 9.8 GX. Bergauf generierten diese beiden Bikes einen beeindruckendem Vortrieb. Gleichzeitig halten sie bergab, sofern es nicht zu ruppig wird, recht respektabel mit Enduros mit.

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Verbesserte Klettereigenschaften

Der Schlüssel zu den verbesserten Kletterqualitäten liegt in optimierten Geometrien mit langem Reach und steileren Sitzrohrwinkeln. Dieser Kniff bringt auch an steilen Rampen genügend Druck aufs Vorderrad und verbessert die Sitzposition. Doch aufgepasst: Der Reach lässt keine eindeutigen Schlüsse zu, wie lange sich das Bike tatsächlich anfühlt, wenn man im Sattel sitzt. Nur alleine von den «Geo»-Daten auf die Fahreigenschaften zu schliessen, kann danebengehen. Die Masse geben hier gewisse Anhaltspunkte. Am Ende zählt das Zusammenspiel von Geometrie, Fahrwerk und Komponenten – und nicht zuletzt mit den individuellen Körpermassen. 

Den Rest in puncto verbesserte Kletterfähigkeiten erledigen die effizienten und gewichtsparenden Zwölffach-Schaltungen. Hier liefern sich «One-by»-Vorreiter Sram und Shimano einen Kampf der Ritzel. Sram verbaut eine Kassette mit 10 bis 50 Zähnen (Sram Eagle). Shimano setzt bei der XT und XTR mit 10 bis 51 Zähnen noch einen drauf. Doch egal, ob Sram oder Shimano, selbst für alpine Einsatzzwecke ist man mit den Übersetzungsbandbreiten der beiden Hersteller gut bedient. Wer lange und steile Anstiege bevorzugt oder auf flowig-flachen Trails ordentlich Tempo machen möchte, kann immer noch das Kettenblatt wechseln.
Mountainbikes ohne Elektro-Antrieb sind noch lange keine alten Eisen. Die Bikes der Saison 2020 haben nochmals deutlich an Vielseitigkeit gewonnen – egal, ob Trailbike oder Enduro-Bike.

Stark im Downhill

Bremsen frei für die Abfahrt! Hier zählt nicht nur der Federweg als reine Zahl, entscheidend ist, wie effektiv das Fahrwerk auf Unebenheiten reagiert. Wer hohen Wert auf top Abfahrtseigenschaften legt, dem bietet das Testfeld teilsgenerösen Federwegen samt potenten Federgabeln und Dämpfern bedient:  von straffen 130 Millimetern Hinterbau (Trek Fuel EX) bis zu stattlichen 165 Millimetern (Specialized Enduro Expert). Wandler zwischen den Welten sind sicher das Norco Sight (160/150 mm) und das Yeti SB140 (160/140 mm), die bergab selbst einige Enduros in Verlegenheit bringen. Das Ibis Mojo HD5 und das Specialized Enduro Expert sind sogar mit satten 170 Millimeter Federgabeln bestückt.
Mit dieser Entwicklung stossen selbst die Trailbikes in die Lücke, in der bislang die Allmountain-Modelle rangierten. Kaum ist die Kategorie Trailbikes etabliert und akzeptiert, wird sie schon wieder aufgeweicht. Das mag der Entwicklung geschuldet sein, dass die jüngere Zielgruppe mehr Wert auf Abfahrtstauglichkeit legt. Und zugegeben, die langhubigen Trailbikes treten sich bergauf erstaunlich effektiv und vortriebsstark. Ein spürbarer Nachteil bleibt: das meist höhere Gewicht. So wiegt das spassige Yeti SB140 sogar mehr als das zugegeben relativ leichte Giant Reign Advanced Pro 29 0. Unterm Strich sind die getesteten Trailbikes dennoch grossartige Tourer, mit denen man halbwegs kraftsparend die Berge erobert. Und bergab glänzen sie mit sensibel ansprechenden Fahrwerken als spielerische Bikes, die mit jedem Ritt das Singletrail-Fieber neu entfachen.
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Das Specialized Enduro ist bergab die Referenz

Auch wenn die Meute dicht am Hinterrad war, fuhr das Specialized Enduro bei den Test-Rides bergab vorneweg, sobald die Kurse anspruchsvoll wurden. Das sehr ausgeglichene, harmonisch abgestimmte Fahrwerk und die satte Bodenhaftung erinnerten fast schon an eine Downhill-Maschine. Apropos Grip: Reifen mit 2.4 bis 2.6 Zoll Breite haben die breitere Plus-Bereifung abgelöst – und zwar bei Enduro-Bikes genauso wie bei den Trailbikes. Das ist gut so. Die Pneus sind weniger schwammig, sondern halten die Linie viel definierter und geben mehr Feedback vom Untergrund. Klar bedeuten breite Schlappen auch mehr Gewicht. Doch die paar Gramm mehr lohnen sich meist – und zwar in dreifacher Hinsicht: bessere Fahrperformance, mehr Sicherheit, weniger Defekte. Trotzdem sollte man nicht ganz ausser Acht lassen: Wem Spritzigkeit und schnelle Antritte wichtig sind, der sollte sehr wohl aufs Gewicht achten. Leichte Laufräder lassen sich ganz einfach leichter beschleunigen. Das ist simple Physik. Die lässt sich nicht austricksen.

Test-Fazit

Mountainbikes ohne E-Antrieb sind noch lange keine alten Eisen. Die Bikes der Saison 2020 haben nochmals deutlich an Vielseitigkeit gewonnen – egal, ob Trailbike oder Enduro-Bike. Und egal, ob man als Fahrer mehr Wert auf Uphill- oder Downhill-Qualitäten legt. Um zu sehen, welche der Bike-Neuheiten am besten zu den persönlichen Vorstellungen passt, lohnt sich ein detaillierter Blick auf die einzelnen Modelle. Was den Artenschutz betrifft, brauchen wir uns aktuell um die Zukunft des konventionellen Mountainbikes keine Sorgen zu machen.

So hat BORN getestet

Um den Charakter jedes Bikes möglichst detailliert herauszuarbeiten, haben wir die Mountainbikes und E-MTBs auf vielseitigen Trails rund um Latsch im Vinschgau getestet. Auf dem Programm standen flowige Passagen und knackige Uphill-Sektionen ebenso wie ruppige Downhills. Dabei wechselte Fels- und Waldboden, auch Wurzel-Trails gehörten zum Testprogramm. Jeder Tester hielt seine Eindrücke in einem Testbogen schriftlich fest. Nach dem Testende wurden die Ergebnisse der Runde diskutiert und analysiert.

Im Mittelpunkt dieses Tests steht weniger der Vergleich der Bikes untereinander, als vielmehr eine möglichst treffende Analyse der Fahreigenschaften jedes Bikes. Das vierköpfige BORN-Testteam bestand aus unterschiedlichen Fahrertypen (Bike-Guides und ehemalige Enduro-Racer, ein ehemaliger Marathon-Racer sowie ein Tourenfahrer).
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Diskussionen
gehören natürlich mit zum Test. Nach der Abfahrt werden die verschiedenen Modelle meist direkt miteinander verglichen und bewertet.

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Testrevier:
Rund um Latsch im Vischgau fanden wir für den aktuellen Test die perfekten Testbedingungen.

Testbasis Vinschgau

Wie schon andere BORN-Tests wurde auch dieser Test in Kooperation mit den Bikehotels Südtirol durchgeführt. Basislager war das Bike-Hotel Bamboo in Goldrain im Vinschgau. Zentral und nahe an den Trails gelegen, bietet das Hotel eine perfekte Infrastruktur für Biker: samt Werkstatt, abgeschlossener Bike-Garage, kostenlosem Wäscheservice, Tourenberatung und vielem mehr. Bei den Testfahrten unterstützte uns das Bike-Shuttle von Freeride-Vinschgau. In Zusammenarbeit mit den Bikehotels und Bikeschulen in Latsch erleichtern die Shuttles den Weg zu Trail-Klassikern wie Holy Hansen, Propain- oder Tschilli-Trail. 

Alle Infos zu Unterkünften & Shuttle:

bikehotels.it
bamboo-hotel.it
freeride-vinschgau.com