«Die Anstiege bei uns sind lang und oft ziemlich steil. Wer das nicht täglich trainieren kann, kommt hier schnell ans Limit», wiegelt Roland ab, und sticht damit zugleich das Messer tiefer in die Wunde. «Für unsere Gäste ist es gut, dass die Seilbahnen in der Drei-Zinnen-Region allesamt problemlos Bikes transportieren.» Die Seilbahnen aber selbst für seinen Sport zu nutzen? Das ist für Roland höchstens dann eine Option, wenn er mit Gästen unterwegs ist. «Hier im Pustertal sind Mountainbike-Marathons populär», erklärt Roland. «Für die meisten Locals ist schnell bergauf fahren zu können wichtiger als das Bergab!»
Dass dem so ist, dürfte nicht zuletzt mit Roland Stauder selbst zu tun haben. Sicher, seine Profi-Rennkarriere hat der 48-Jährige schon seit geraumer Zeit an den Nagel gehängt. Doch mit seinem Gewinn des Gesamtweltcups 2003 über diverse Erfolge bei der Transalp-Challenge, der Crocodile Trophy bis hin zum heimischen Dolomiten-Mann dürfte der drahtige Pustertaler diverse Generationen an Nachwuchs-Racern inspiriert haben. So auch Elisabeth Gietl, ihres Zeichens Bike-Guidin aus Toblach, gestandene XC-Racerin und zugleich die Dritte im Bunde für die heutige, abenteuerliche Tour.
Die Essenz des Stoneman
«Die Idee beim Stoneman Trail war, den Leuten eine Race-Challenge zu bieten», erzählt Roland wenig später bei einer dampfenden Tasse Tee. «Aber ohne den Rennstress, wie er bei Marathons an der Tagesordnung ist. Der einzige Unterschied zu einem Marathon: Die Leute müssen den Stoneman Trail komplett fahren, um ihre Finisher-Trophäe zu ergattern. Eine Kurzstrecke gibt es nicht!» Das Konzept für diesen Spagat ist denkbar einfach. Satte 120 Kilometer, gespickt mit 4000 Höhenmetern Anstieg, misst der Parcours des Stoneman Dolomiti. Dort finden sich an neuralgischen Punkten der Strecke Kontrollstellen, an denen sich die im Finisher-Package befindliche Stempelkarte abstempeln lässt. Ob die Aspiranten die komplette Strecke dann aber in einem, in zwei oder gar in drei Tagen absolvieren, bleibt deren Ehrgeiz und Leistungsfähigkeit überlassen. Je nachdem, wie schnell jemand die komplette Strecke abspult, wird die Stoneman-Trophäe in Gold, Silber oder Bronze überreicht. Ob damit nicht der Manipulation Tür und Tor geöffnet ist? «Ach, die Kontrollpunkte einzeln anzufahren, wäre auch nicht weniger anspruchsvoll, als die komplette Strecke zu kurbeln», winkt Roland ab. «Und die Trophäe soll ja nur Motivation sein, sich zu einer Höchstleistung zu pushen. Mit Schummeleien würde man sich nur selbst betrügen.»
Balanceakt auf der Grenze
Die Verhältnisse sind an diesem Tag sicher nicht optimal. Doch wir entscheiden uns gegen den Abbruch zum Glück! Was folgt, ist ein 17 Kilometer langes, ununterbrochenes Singletrailfest mit wenigen giftig-verblockten Schlüsselstellen, vielen Flowpassagen und atemberaubenden Gegenanstiegen. Spektakulär ist aber auch das Panorama: Gegenüber ragen markant die Nordwände der Drei Zinnen aus einem Meer von Felszacken. Immer wieder passieren wir Bergseen, schlängeln uns an Stellungen und halb verfallenen Schützengräben vorbei. Kaum zu glauben, dass in dieser so friedlichen Landschaft vor wenig mehr als 100 Jahren im Gebirgskrieg erbittert gekämpft wurde. Aber genau das war der Fall. Als das Königreich Italien 1915 in den Ersten Weltkrieg eintrat, wurde dessen bis dato Verbündeter Österreich-Ungarn eiskalt erwischt. Praktisch die kompletten österreichischen Truppen waren an der russischen Front gebunden. Für die Verteidigung der Südgrenze der eigenen Heimat waren kaum noch Männer vorhanden. Es schlug die Stunde der «Standschützen». Alte, oder noch nicht wehrpflichtige Männer, meist Mitglieder von Schützengilden, besetzten in den Dolomiten Stellungen auf den Bergkämmen und verschanzten sich dort. Vorausgesetzt, eine solche Stellung wurde mit Nachschub und Munition versorgt, liess sie sich mit den damaligen militärischen Mitteln kaum noch einnehmen. Und so wurden in den Dolomiten, wie überall im Ersten Weltkrieg, drei Jahre lang mit sinnlosen Sturmangriffen Menschenleben zu Zehntausenden verheizt. «Praktisch das gesamte Wegenetz hier oben wurde in diesen drei Jahren angelegt, um die Stellungen auf beiden Seiten der Front mit Nachschub zu versorgen», erklärt Roland. «Ironie des Schicksals: Ohne den Krieg würden wir Biker hier keinen Fuss auf den Boden bringen!»
Biken am Alpenwall
Stoneman Dolomiti: Drei-Zinnen-Region
Die Drei-Zinnen-Region rund um Sexten und das Hochpustertal bietet zahlreiche Biketouren aller Schwierigkeitsgrade, von anfängertauglich bis hochalpin. Seit einigen Jahren befördern sämtliche Seilbahnen vor Ort problemlos Mountainbikes, sodass sich diverse Touren auch konditionell entschärfen lassen. Allerdings sind die Höhenunterschiede auf den meisten Touren beträchtlich, sodass der konditionelle Anspruch der meisten Touren nicht zu unterschätzen ist.
Ideales Bike
Vor Ort sind Mountainbike-Marathons sehr populär, viele der Locals sind nach wie vor mit Hardtails unterwegs. Wegen des häufig anzutreffenden, groben Dolomiten-Schotters ist aber ein Fully anzuraten. Mit einem Downcountry-Fully mit rund 120 mm Federweg ist man meist gut gerüstet. Auf den alpineren Touren ist ein Allmountain-Bike mit 150 mm Federweg anzuraten.
Saison
Die lohnendsten Touren vor Ort berühren die 2000-Meter-Marke oder gehen darüber hinaus. Hier ist bis in den Mai hinein mit Altschneefeldern zu rechnen. Die ideale Tourenzeit beginnt daher im Mai. Im Herbst darf man bis Ende Oktober oder gar in den November hinein mit stabilen Schönwetterphasen rechnen. Die Seilbahnen laufen überwiegend von Anfang Juni bis Mitte Oktober.
Übernachten
Vor Ort haben sich zwei Betriebe auf Mountainbiker spezialisiert und bieten geführte Touren, Bike-Garage, Waschplätze, Test- und Leihbikes, und was unsereins an Serviceleistungen beansprucht.
- Hotel Laurin’s****, Toblach, hotel-laurin.com
- Hotel Union***S, Toblach, hotelunion.it
Weitere Bikehotels in Südtirol: bike-holidays.com
Guideing
Vor Ort bieten drei Bikeschulen ein festes Wochenprogramm an:
- Bike School Alta Pusteria, bikeschool.eu
- Bike Academy Sextner Dolomiten, bikeacademy-sextnerdolomiten.com
- Dolomiti Mountain Sports, dolomiti-ms.com
Events
Dolomiti Superbike, 13./14. Juli 2024
Einer der härtesten Mountainbike-Marathons der Dolomiten, mit drei Distanzen (60, 85, 123 km / 1750, 2360, 3400 hm)
plus eine E-Bike-Wertung.
Die Einschreibung ist offen: dolomitisuperbike.com
Stoneman Trail
Alle Infos zum «Original Stoneman Trail»
von Roland Stauder: stoneman.it
Infos: dreizinnen.com
GPX-Daten: LINK
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