Im Test:
10 MTBs mit und ohne Motor

Text: Christian Penning | Foto: Christian Penning
30.08.2021

Überflieger

Es tut sich was – die Entwicklung der E-MTBs geht mit grossen Sätzen voran. Und auch bei Bio-Bikes setzen die Hersteller innovativ einen drauf. Wir testen zehn Top-Neuheiten der aktuellen und kommenden Saison mit und ohne Motor – und hohem «Haben-will-Faktor». Vorhang auf für das grosse Mid-Season-Schaulaufen im Enduro-Paradies Nauders am Reschenpass.
Im Test:   10 MTBs mit und ohne Motor
Enduro-Bikes on Fire. Das neue Cannondale Jekyll, das Trek Slash und das Rocky Mountain Altitute C70 liefern sich das Rennen um das schnellste Endurobike.
Kaum ein anderes Sportgerät lässt so viele Individualisierungsmöglichkeiten zu wie das Mountainbike. Gut für jene, die genau wissen, was sie wollen, aber immer wieder etwas Neues und Besseres ausprobieren wollen. Eine Herausforderung für jene, die sich im Neuheiten-Dschungel verloren fühlen, weil ihnen der Überblick fehlt. Gerade bei E-Mountainbikes wird dieser Dschungel in Zukunft ein noch dichterer Mischwald mit noch mehr unterschiedlichen Antriebs-, Akku- und Fahrwerksideen. Und auch bei Bikes mit reinem Muskelantrieb ist es mit dem Blick auf Fahrwerke und Federwege an der Zeit, alte Gewohnheiten und Vorstellungen neu zu überdenken.

Die Zeiten sind vorbei, in denen bei E-MTBs das Motto galt: Hauptsache, starker Motor dran und kräftige Bremsen, die den schweren Schlitten bergab im Zaum halten. Längst haben die Hersteller spezielle Philosophien für unterschiedliche Einsatzbereiche und Zielgruppen von E-MTBs entwickelt und feilen an technisch cleveren Umsetzungsmöglichkeiten. Bei der Wahl eines neuen E-Mountainbikes stellen sich mehrere Konzeptfragen.

SANFTE MOTORLEISTUNG – WENIGER GEWICHT

Ganz vorne bei diesen Überlegungen rangieren die Antriebskonzepte. Sie bestimmen längst nicht nur die Motor-Power. Sie beeinflussen auch Agilität, Handling, Reichweite und Klettereigenschaften. Die mit Sicherheit auffälligste Neuerung bei den Antrieben bieten in diesem Test das Specialized Kenevo SL Expert und das Orbea Rise. Gewichtsmässig unterscheiden sich die beiden Bikes nicht mehr allzu markant von Enduro-Mountainbikes ohne Motor. So ist das Kenevo SL nur 2,9 Kilo schwerer als Cannondales neues «Bio-Enduro» Jekyll 1, das wir ebenfalls getestet haben. Hinzu kommt: Sowohl das Orbea Rise als auch das Kenevo SL lassen sich bei ausgeschaltetem Motor oder jenseits der 25-km/h-Abriegelung fast wie herkömmliche Mountainbikes pedalieren – ohne beziehungsweise mit kaum spürbarem Widerstand beim Treten. Wie das geht? So entkoppelt beim Specialized eine ausgefuchste Konstruktion Motorantrieb und Kurbel. Ausserdem haben die Konstrukteure hier ein völlig neues Motorkonzept entwickelt. Der Motor ist kleiner als die bisherigen Brose-Aggregate – und rund ein Kilo leichter als die aktuelle Motoren-Generation von Bosch. Also eine neue Wundermaschine? Nicht ganz. Den Gewichtsvorteil erkauft man sich mit einer deutlich geringeren Motorleistung (240 Watt/35 Nm) und reduzierten Akku-Kapazitäten (320 Wh plus optionalem Extender mit 160 Wh).

Auch wenn das im ersten Moment etwas mager klingen mag, dieser «Minimal-Assist»-Ansatz hat seine Berechtigung. Bei Specialized beispielsweise diente als Grundlage für das neue Antriebskonzept eine Umfrage unter E-Mountainbikern und eine Auswertung der Daten aus der Specialized Turbo Mission Control App. Demnach findet ein Grossteil der Fahrten mit der geringsten Unterstützungsstufe statt. Zudem sind laut Specialized viele Fahrer bereit, auf den Turbo-Modus zu verzichten, um am Gewicht einzusparen. So entstand die Idee, ein E-Bike-Projekt mit einer neuen Gewichtung von Leistung, Gewicht, Reichweite und Fahreigenschaften zu realisieren. In der Tat hatten die Tester auf dem Kenevo SL bergab und auf flachen Passagen beinahe das Gefühl, auf einem nichtmotorisierten Enduro-Bike zu sitzen. Bergauf ist das superleichte E-Enduro allerdings eher ein Shuttle, das vom Fahrer auch Wadenschmalz einfordert, als eine durchzugsstarke Uphill-Flow-Maschine. Weitere Details dazu gibt’s im Test des Modells auf den nächsten Seiten.
Im Test:   10 MTBs mit und ohne Motor
Im vollen Galopp: Das Scott Spark 900 Tuned gefällt nicht nur den wilden Pferden.
Im Test:   10 MTBs mit und ohne Motor
Let's roll: Die Test-Crew bei der Arbeit.
Im Test:   10 MTBs mit und ohne Motor
Bergab brachial: das Specialized Kenevo SL.

Akku-Leistung satt

Wie sich unterschiedliche Antriebs- und Akku-Konzepte auf die Fahreigenschaften auswirken, zeigt auch das brandneue Norco Sight VLT. Es ist gewissermassen das Gegenstück zum Orbea Rise oder dem Kenevo SL. Statt die Ladekapazitäten abzuspecken, klotzen die Kanadier beim Sight VLT. Im opulenten Unterrohr steckt ein BMZ-Akku Made in Germany mit einer Kapazität von sage und schreibe 900 Wh – ein Ausdauerspezialist, dem auch auf extrem langen Touren der Saft so schnell nicht ausgeht. Allerdings wirkt das Norco Sight VLT optisch wie fahrerisch bullig und zählt mit 26,1 Kilogramm nicht zu den Leichtgewichten. Maximale Reichweite wiegt eben.

Dass sich neben den Antrieben auch bei den Fahrwerkskonzepten von E-Bikes eine Menge tut, zeigt der Schweizer E-MTB-Spezialist Bergstrom mit dem XCV 869. Was Federwege betrifft, galt bislang häufig das Prinzip: Viel hilft viel. Noch immer werden Enduro-Bikes mit 160 Millimeter Federweg und mehr auch an Biker verkauft, für die Forststrassen das höchste der Off-Road-Gefühle sind. Reinste Verschwendung. Das XCV 869 beweist im Test: Es geht auch mit weniger. Auch ein E-MTB-Fahrwerk mit 120 Millimeter Travel steckt raue Trails gut weg, wenn es den Federweg gut ausnützt und aktiv arbeitet. Angelehnt an den Bio-Bike-Trend downhill-starker Bikes mit Cross-Country-Genen rollt das XCV als Vertreter der Kategorie «Downcountry» in die Shops.
Im Test:   10 MTBs mit und ohne Motor

BIO-BIKES: VOLLGAS BERGAUF UND BERGAB

Aber, es geht nach wie vor auch ohne Motor. Und zwar ziemlich gut. Auf den Enduro-Strecken in Nauders beeindruckten unsere Tester auch zwei leichtgewichtige Bikes mit verblüffenden Abfahrtsqualitäten. Egal, ob man das Ganze Downcountry, leichtes Trailbike oder XC-Waffe plus nennen möchte – eines steht fest: In den unteren Federwegsklassen macht Mountainbiken enorm viel Spass – vielleicht mehr als je zuvor. Bikes wie das Bixs Sign X oder das Scott Spark 900 Tuned sind Musterbeispiele dafür. Sie motivieren und machen Lust, am Berg zu attackieren – nicht nur bergab. Der beeindruckende Vortrieb bergauf schreit nach höhenmeterreichen Touren. Bergab bieten das Bixs und das Scott zwar nicht die Fahrwerksreserven von Enduros, stecken aber trotzdem auch knackige Trails und hohes Tempo gut weg. So gut, dass mancher Tester versucht war, die getesteten Enduros von Rocky Mountain, Trek und Cannondale in der Ecke stehen zu lassen.

Doch auch das Enduro-Trio Cannondale Jekyll 1, Rocky Mountain Altitude C70 und Trek Slash 9.8 XT mit ihren Schwerpunkten auf Abfahrt und Enduro-Race liessen auf den Trails am Reschenpass beim Testteam die Glückshormone tanzen. Diese Maschinen prügeln über schnelle, ruppige Kurse mit Vergnügen und bieten maximale Sicherheitsreserven, wenn es bergab zur Sache geht. Bergauf sind alle drei keine Raketen. Doch zumindest das Rocky und das Trek erlauben auch Touren jenseits der 1500-Höhenmeter-Schallmauer – ohne dass die Zunge beim Hecheln zwischen die Speichen geraten würde. Derartige Bikes sind keine absoluten Novitäten. Aber man muss Mountainbike-Konzepte ja nicht völlig neu erfinden, wenn sie funktionieren. Cannondale tut das mit dem neuen Jekyll trotzdem. Ergebnis: eine spannende neue Konstruktion, mit der die Bike-Entwickler aus Connecticut ein weiteres Mal ihre Vorliebe für extravagante Fahrwerke dokumentieren.

GUTE DETAILARBEIT

Die Hersteller richten ihr Augenmerk zunehmend auch auf kleine, aber wichtige Details. Unzureichend gegen Nässe und Schlamm geschützte Ladebuchsen waren bislang eher Standard als Ausnahme – ein Eingangstor für Probleme mit der Elektronik. Das ändert sich gerade. Am Specialized Kenevo SL sitzt die Buchse im Tretlagerbereich und wird durch eine beherzt zuschnappende Kunststoffklappe geschützt. Beim BH XTEP Carbon versteckt sie sich unter einer Drehkonstruktion der Akkuaufnahme am Oberrohr.

So haben wir getestet

Testtrails und Testteam

Die vielseitigen Enduro-Strecken am Mutzkopf und Bergkastel bei Nauders dienten als perfektes Terrain, um die Bike-Neuheiten im Uphill und Downhill auf Herz und Nieren zu checken. Flowige Passagen auf Waldboden und geshapten Lines gehörten ebenso dazu wie ruppige und schnelle Downhill-Sektionen mit Wurzeltrails und blockigen Felsabsätzen. Die E-MTBs wurden zudem intensiv bergauf über Forstwege und technische Trails gescheucht. Jeder Tester hielt seine Eindrücke in einem Testbogen schriftlich fest. Nach Testende wurden die Ergebnisse in der Runde diskutiert und analysiert. Im Mittelpunkt stand weniger der direkte Vergleich zwischen den Modellen, als vielmehr eine möglichst treffende individuelle Analyse der Fahreigenschaften jedes Bikes. Das siebenköpfige BORN-Testteam bestand aus unterschiedlichen Fahrertypen (Bikeguides, Marathon- und Enduro-Racer, Tourenfahrer).

Test-Basislager Nauders

Der Test wurde in Kooperation mit der Region Nauders in der 3-Länder Bike Arena am Reschenpass durchgeführt. Ein Mekka für Enduro-Fahrer mit knackigen und anspruchsvollen Strecken. Auf Flowtrails kommen dennoch auch Geniesser und Einsteiger auf ihre Kosten. Die 3-Länder Bike Card bietet Zugang zu allen fünf Liftanlagen der 3-Länder Enduro Region am Reschenpass mit gut 56 Kilometern Trail-Spass. Unser Basislager für den Test war das Bike-Hotel Central, das mit der jahrelangen Bike-Leidenschaft von Hotelier Harry Ploner und seiner Infrastruktur, wie überwachtem Bikekeller, Waschstation und vielen weiteren Services, die Anlaufstelle in Nauders für Biker ist.
Mehr Infos zu Trails, Touren, Bergbahnen, Streckenbedingungen und Unterkunft unter:
nauders.com
3-laenderendurotrails.com
hotel-central.at

Im Test:   10 MTBs mit und ohne Motor
Anlieger mit Aussicht: Nicht nur bei Enduro-Racern beliebt sind die Trails am Reschenpass. Auf dem Zirbentrail lassen die Tester das Gas stehen.

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