Für Specialized Firmengründer Mike Sinyard hatten «E-Bikes» ursprünglich nicht viel mit «Fahrradfahren» zu tun. Der Impuls für die Produktion des ersten E-Mountainbikes der Kalifornier kam denn 2010 auch aus der Schweizer Pendenz. Seitdem ist die komplette «Active»-Sparte von Specialized in der Schweiz beheimatet.
Es war einmal … eine Gruppe «verrückter» Europäer. Die reisten mit dem Vorsatz nach Morgan Hill, ihre Kollegen bei Specialized von der Konstruktion eines eigenen E-Mountainbikes zu überzeugen. 2010 war das. Doch in der kalifornischen Firmenzentrale traf die Idee auf wenig Gegenliebe – für den Firmengründer Mike Sinyard hatten «E-Bikes» nicht viel mit «Fahrradfahren» zu tun. Trotzdem startete man einige unkonventionelle Versuche mit provisorisch montierten Batterien und Hinterradmotoren. Bald stieg man in ernsthafte Planungen zu diesem Projekt ein. Jan Talavasek und Marco Sonderegger siedelten in die Schweiz über, wo in Cham eine eigene E-Bike-Entwicklungsabteilung gegründet wurde. Bis heute ist dort die komplette «Active»-Sparte von Specialized beheimatet. Die E-Bikes der Kalifornier sind also ein klarer Fall von «Swiss Engineering», auch wenn es sich bei Specialized um eine durch und durch US-amerikanische Marke handelt.
In Morgan Hill identifiziert man sich inzwischen voll und ganz mit dem damals eingeschlagenen Weg. Specialized ist stolz darauf, dass man bei seinen E-Bikes das gesamte System bis ins Detail selbst entwickelt. «Wir möchten unsere Bikes nicht um die Komponenten anderer Hersteller herum entwickeln», so Lionel Girardin, Global Turbo Marketing Manager bei Specialized. «Deswegen gehen wir unseren eigenen Weg und versuchen von Anfang an, möglichst viele Prozesse selbst zu gestalten.» Beim Blick auf die Motoren bedeutet das etwa, dass diese zwar von Brose und Mahle, aber nach strengen Vorgaben von Specialized entwickelt werden. Elektronik, Firmware, Display: Auch hier behält man das Heft in der Hand. Sogar den Akkupack entwickelt Specialized in Eigenregie. Natürlich stammen die Batteriezellen von Zulieferern. Doch auf die Standardformen der Motorenhersteller zurückzugreifen, ist keine Option. Man will frei entscheiden können, wo und wie die Batterie am Rad platziert wird. Schliesslich hat deren Position Einfluss auf die Geometrie und das Fahrverhalten des Bikes.
«Wir versuchen von Anfang an, möglichst viele Prozesse selbst zu gestalten.»
Lionel Girardin
Global Turbo Marketing Manager
Bei Specialized hat man sich damit für den eindeutig härteren Weg entschieden. Bei der Entwicklung von E-Mountainbikes steckt der Teufel im Detail – selbst an für nicht Eingeweihte «unsichtbaren» Stellen. Etwa bei der Firmware: Da kommt es schon einmal vor, dass auf dem Weg zur Serienreife eines Bikes mehr als 250 Versionen programmiert, getestet, wieder verworfen oder verbessert werden – so lange, bis die fertige Motorsteuerung keine falschen Kompromisse mehr notwendig macht. Kein Wunder, dass unter den aktuell 68 Mitarbeitern im E-Bike-Segment in Cham nicht nur Bike-Ingenieure, sondern auch zahlreiche Fachleute für Elektronik und Software zu finden sind. Die für die Rahmen- und Fahrwerksentwicklung zuständigen Ingenieure sitzen dagegen überwiegend in Morgan Hill oder Taiwan.