Rauf auf den Pass und zu neuen Horizonten? Oder rein in die Sackgasse und auf gleichem Weg retour? Auf den ersten Blick keine Frage. Auf den zweiten schon. Und zwar eine fast schon philosophische. Unser Autor fand rund um Klosters einige der schönsten «Dead Ends» Graubündens.
Rien ne va plus – nichts geht mehr
Der Fahrweg hat sich vom Walserdorf Schlappin sechs Kilometer lang Land-Rover-breit das gleichnamige Tal hochgeschlängelt. Jetzt endet er an einem schmucken Steinhüttchen, das sich in den Talschluss der Kübliser Alp einkuschelt. «Inner Säss» heisst sie auf der Landkarte. 2026 Meter über dem Alltag. Hier oben steht die Zeit still. Die Kühe sind jetzt im Herbst schon sicher im Tal, genauso wie die zwei- und vierbeinigen Sommer-Bewohner der Schäflerhütte. Einziges Zeichen der Moderne: das Solarpanel über der Sonnenterrasse. Hinter der Hütte schwindelt sich ein Weg hinauf zum Carnäirajoch. Aber der taugt nur für Wanderer auf ihrem einsamen Weg hinüber nach Vorarlberg, nicht für Mountainbiker. Und erst recht nicht für Gravelbiker.
Apropos Gravel: Santina und Daniel, die mit auf die Alp hinaufgekurbelt sind, lieben beide Welten: die Rennrad- und die Mountainbike-Welt. Umso schöner die Vorstellung, beides miteinander zu verbinden. Seit drei Jahren zählen sich die beiden zu den Gravel-Maniacs. Fully und Roadbike bleiben immer häufiger in der Garage. «Du bist fast so schnell wie mit dem Strassenvelo, aber kannst auch über Naturstrassen brettern», sagt Daniel. «Am meisten Spass macht das Gravelbike auf breiten Alpwegen», findet Santina. «Ohne Verkehr, ohne Hektik.» Wie hier im Schlappinertal im Prättigau.
Rückblende: «Lass uns mal was Neues ausprobieren», hatte Daniel eine Woche zuvor vorgeschlagen. Der Wetterbericht hatte fürs Wochenende bestes Bergwetter, milde Temperaturen und blauen Himmel vorausgesagt. «Wie wär’s mit Klosters? Aber nicht nur Pässe, Pässe, Pässe! Lass uns mit dem Gravelbike ein paar Sackgassen entdecken!» Eine interessante Vorstellung: Nebenan warten mit Strela, Scaletta & Co. einige der schönsten Übergänge Graubündens, doch die beiden wollen lieber Sackgassen auf- und abfahren. Hin und retour statt Rundtour. Schatten statt Licht. Zweite statt erste Wahl. Zumindest auf den ersten Blick.
«Wenn der Weg schön ist, lass uns nicht fragen, wohin er führt.» Anatole France (1844–1924)
2026 Meter über den Dingen: Die Alp Inner Säss im Schlappintal.
Vielleicht führen Daniels Sackgassen ja nicht einfach nur in selbige, sondern haben auch etwas Spannendes an sich. So das mit Wörtern jonglierende «Dead End» im Englischen. Totes Ende. Ausweglose Situation. Klingt nach Krimi. Und auf jeden Fall aufregender als «Sackgasse». Aus Bike-Sicht hat das Wort etwas Endgültiges, etwas Finales: Schluss. Aus. Amen. Was tun, wenn zwar angeblich hinter jedem Berg ein neuer Horizont wartet, das tote Ende einen aber nicht aus dem dunklen Tal hoch ins Licht entlässt? Was bleibt einem, wenn einen das Los des Ausweglosen unumstösslich zum Umkehren zwingt?
Die Philosophen kannten zwar keine Gravelbikes, aber tröstende Antworten auf die Sackgassen-Frage: Henry David Thoreau (1817–1862) beispielsweise wusste: «Erst wenn wir nicht mehr weiterwissen, lernen wir uns selbst richtig kennen.» Und sein Kollege Walt Whitman (1819–1892) schrieb: «Zwei Wege boten sich mir, und ich ging den, der weniger betreten war – und das veränderte mein Leben.»
Heidelbeerparadies: Santina und Daniel nutzen die Belohnungspausen geschmackvoll.
Sonnengrüsse: Der Stern strahlt in hintersten Vereinatal mit den müden Helden um die Wette.
Zugegeben: Das Schlappinertal verändert das Leben von Santina und Daniel nicht grundlegend. Aber es verschönt ihren gemeinsamen Samstag ungemein. Die beiden sonnen sich auf der Holzbank vor der Hütte, füllen in aller Seelenruhe die Energiespeicher und sinnieren über ihr Gravelbike-Wochenende im Goldenen Herbst.Nicht nur der Weg ist das Ziel, auch das Ziel ist das Ziel. Und das war lange schon sichtbar. Mit jeder Kurbelumdrehung wuchs die Vorfreude auf den Höhe- und Umkehrpunkt. Oben angekommen, zeigt die Uhr knapp zwei Stunden Fahrzeit, 16 Kilometer und ziemlich genau 1100 Höhenmeter. Aber viel mehr als die nackten Zahlen zählt das Erlebnis.
Auf der breiten Naturstrasse mit ihren humanen Steigungen – den sausteilen Stich hinter Klosters hatten die beiden clever via Palfärnweg und Flue umgangen – ist das Gravelbike das perfekte Vehikel. Aber nun ist Schluss. Nach der ausgiebigen Rast auf der Sonnenbank der Schäflerhütte geht’s auf gleichem Weg wieder hinab ins Walserdorf Schlappin. Auf dem Hochweg waren die beiden schon am Berghaus Erika vorbeigeschnurrt. Das schreit jetzt nach der flotten Schotterabfahrt förmlich nach einem nachmittäglichen Einkehrschwung. Barbara und Michael Kern, die Wirtsleute, sind vor zwölf Jahren aus ihren städtischen Starkstromjobs ausgestiegen und haben im Berghaus Erika ihr Glück gefunden. Kein Wunder! See, Heimatmuseum, Yaks, Dreitausenderblick – das Walserdorf Schlappin bietet Menschen mit offenen Sinnen jede Menge kleiner Sensationen. Kurz vor Klosters kommen Santina und Daniel an einer besonders fotogenen Hängebrücke vorbei. Isaac Newton würde sagen: «Die Menschen bauen zu viele Mauern und zu wenig Brücken.»
Die Langohren scheinen den Spätsommer auf der Alp sichtlich zu geniessen.
Neuer Tag. Neues Glück der Ausweglosigkeit. Vom Hotel Sport in Klosters geht es heute direkt gen Osten – hoch ins Vereinatal. Den Namen «Vereina» hat wohl jeder Schweizer schon einmal gehört. Klar: Autoverlad zwischen Engadin und Prättigau. Der Werbespruch «Zügig durch den Berg» könnte treffender kaum sein. 18 Minuten Dunkelheit, und schon ist man von Sagliains im Engadin in Klosters. Vereina ist ein Synonym für den 19 Kilometer langen Tunnel. Aber wer war jemals im hintersten Vereinatal? Wohl die wenigsten. Pässe ziehen den Menschen an wie das Licht die Motten. In Sackgassen hat man garantiert seine Ruhe. Das Geburtstal des Flusses Landquart ist exakt das, was sich Daniel und Santina für ihren Sonntag ausgedacht haben: ein «Dead End» wie aus dem Bilderbuch!
Die ersten sieben Kilometer lustradeln die beiden auf einem Radweg an der jungen Landquart entlang nach Osten. Nach der Brücke wird dann aus Spass Ernst. Steil zieht sich ein breiter Fahrweg hinauf ins Tal des Vereinabachs. Nach einem Wasserfall schraubt sich das Strässchen in mehreren Kehren brutal hoch. Und die Gravelbike-Übersetzung mit nur einem Kurbelblatt saugt den Saft förmlich aus den Beinen. 400 Höhenmeter wollen so auf fünf Kilometern Fahrstrecke hochgekeult werden. Puh! Auf knapp 1900 Metern Höhe angekommen, geht’s zur Belohnung flach in ein Hochtal. Es macht die harte Arbeit im Nu vergessen. Endstation ist die Alp Vereina auf 1971 Metern Seehöhe. Das hinterste Vereinatal ist der Traum eines jeden alpinen Gravelbikers: Hohe Zweitausender ringsum und zwischendrin kratzen eine Handvoll Dreitausender am glasklaren Herbsthimmel. Darunter Flüela-Wisshorn, Piz Fless und als Krönung der Piz Linard, der König der Silvretta.
«Das Glück gleicht durch Höhe aus, was ihm an Länge fehlt.» Robert Lee Frost (1874–1963)
Schattenspiel: Santina übt am Schlappinsee die neue Disziplin Weitsprung mit Gravelbike.
Daniel freut sich über den Reparaturständer bei der Alp Sardasca.
Hinter der Alp Sardasca können geländegängige Gravelbiker noch ein paar Meter weiterfahren.
Die Berge kratzen, die Mägen knurren. Also nichts wie los zum schon lange sichtbaren Berghaus Vereina. Das thront wie ein steinernes Adlernest über der kleinen Hochebene, an der sich Vereina- und Vernelabach vereinigen. Die stattliche Hütte wurde 1930 von Familie Schlunegger aus Klosters gebaut und ist bis heute im Familienbesitz. «Im Sommer kommen vorwiegend Wanderer und E-Biker», sagt Bettina Schlunegger, «aber auch immer mal wieder Gravelbiker.»
Die Talschluss-Schönheit will auf den hochprozentigen Steigungen eben redlich verdient werden. Genau genommen ist am Berghaus Vereina aber noch nicht Schluss. «Hinter dem Berghaus kann man noch weiter ins Vernela-Tal bis zur Alphütte fahren», verrät die Hüttenwirtin. «Aber das macht nur mit dem E-MTB Sinn.»
Der Fahrweg ist einfach zu steil und steinig für die schmalen Gravel-Reifen. Also bleiben Santina und Daniel lieber auf der Sonnenterrasse des Berghauses und schenken sich den Stich ins Hochtal. «Wir könnten aber noch einen Abstecher ins Verstancla-Tal machen», schlägt Daniel vor. Bislang stehen nur 800 Höhenmeter und 15 Kilometer auf der Anzeige. Gesagt, getan! Die beiden verabschieden sich nach Espresso und Engadiner Nusstorte von Bettina und sausen auf dem Fahrweg, den sie schon vom Uphill her kennen, wieder gen Tal. Auch ein Vorteil von Sackgassen: Der gleiche Weg wirkt entgegengesetzt (und bergab) ganz anders. Am bekannten Abzweig angekommen, heisst es noch einmal: runterschalten. Und wieder in den Bergauf-Modus gehen. Aber nicht lange. Nach 250 Höhenmetern – am Anfang steil, am Ende flach – endet der Weg an der Alp Sardasca. Hier mixen sich die müden Gravel-Maniacs an der Sirup Bar die eigene Zucker-Bombe. Und die Glucose schiesst derart blitzartig ins Oberstübchen, dass Santina und Daniel plötzlich vollends überzeugt sind, dass die Idee mit den «Dead Ends» mehr ist als nur eine Schnapsidee. Vielleicht sind die beiden ja Vorreiter einer «Dead End Society»? Ganz im Sinne von Henry David Thoreau: «Jede Generation lacht über Moden, aber folgt dem Neuen treu.»
Praktische Informationen zur Tour in Davos Klosters
CHARAKTER
Klosters (1180 m) ist ein idealer Ausgangspunkt für Gravelbiker, die sportliche Herausforderung und Naturerlebnis inmitten der Bergwelt von Rätikon und Silvretta erleben möchten. Der Hauptort der Region Prättigau hat etwa 4500 Einwohner. Der Kurort bietet ein weitläufiges Netz aus verkehrsarmen Asphaltsträsschen, Radwegen (z. B. entlang des Flusses Landquart) sowie Forststrassen, die nach Norden und Osten in die Bergtäler auf über 2000 Meter Höhe hinaufführen – ideal für ambitionierte Alpin-Gravelbiker! Dank guter Anbindung durch Rhätische Bahn und Postauto lassen sich Touren im Prättigau flexibel planen und erweitern. Das Nordportal des Vereina-Tunnels (Autoverlad ins Engadin) befindet sich in unmittelbarer Nähe von Klosters.
SAISON
Mountainbiken ist in den Hochlagen von Davos Klosters von Juni bis Oktober, Gravelbiken in den Tallagen schon ab Mai und bis in den November möglich.
ÜBERNACHTEN
In Davos gibt es 13 Bike-Hotels, in Klosters eines.
- Hotel Sport in Klosters, familienfreundliches Drei-Sterne-Hotel mit Pool, Wellness und vielen Sportmöglichkeiten, Tel. 081 423 3030
- Sport-Lodge Klosters, Tel. 081 422 1256
EINKEHR AUF TOUR
- Berghaus Erika, Tel. 081 422 1117
- Berghaus Vereina, Tel. 081 422 1216
- Gasthaus Höhwald, Tel. 081 422 3045
- Alp Garfiun, Tel. 081 422 1369
BIKESHOP UND VERLEIH
- Bardill Sport, Tel. 081 422 1040
- Andrist Sport, Tel. 081 422 5588
Die Touren im Überblick
Schlappiner Tal
Schöne Halbtagestour mit dem Gravelbike von Klosters hinauf ins Schlappiner
Tal und bis zur Schäflerhütte «Inner Säss» (2026 m) auf der Alp Küblis. Den sehr steilen Asphalt-Uphill im Schlappiner Tobel kann man über den Palfärnweg und via Flue umfahren. Nach Rückfahrt kann man im Berghaus Erika im Walserdorf Schlappin (1658 m) einkehren. Auf der steilen Asphaltstrasse (die im Winter zur Madrisa Talabfahrt wird) bremst man sich wieder hinab nach Klosters.
Fahrtechnik: 1/5
Distanz: 27 km
Höhendifferenz: 1150 hm
Vereina Und Sardasca
Anstrengende Tagestour mit dem Gravelbike weit hinauf ins Vereina-Tal. Der steilen Auffahrt hoch über dem Vereina-Bach folgt ein flaches Finale zur Alp Vereina. Über einen kurzen, aber fahrtechnisch kniffligen Trail erreicht man das Berghaus Vereina (Einkehr- und Übernachtungsmöglichkeit). Auf gleichem Weg hinab zum Abzweig (1416 m) und durch das Verstancla-Tal hinauf zur Alp Sardasca (1646 m). Bei der Abfahrt bietet sich ein Abstecher zur Alp Garfiun (1373 m) an.
Fahrtechnik: 2/5
Distanz: 40 km
Höhendifferenz: 1350 hm
Supertrail Map Karte
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