35 Länder, 35 Gipfel und rund 40'000 Kilometer: Der Schweizer Bergsportler Tobias Renggli hat sein Langzeitprojekt «Über alle Grenzen» gestartet. Von Prudhoe Bay an der Nordküste Alaskas bis nach Ushuaia in Feuerland will Renggli zwischen 2026 und 2028 durch Nord-, Mittel- und Südamerika reisen und dabei den höchsten Berg von insgesamt 35 Ländern besteigen. Rund 40'000 Kilometer sollen mit Velo, zu Fuss und per Segelboot zurückgelegt werden. Die ersten beiden großen Ziele sind bereits geschafft: Innerhalb von zehn Wochen stand der 22-Jährige auf dem Denali und dem Mount Logan.
36 Tage am Denali
Am 15. April 2026 startete Renggli gemeinsam mit Heli Hofmann und Laetitia Lam in Alaska zur Denali-Expedition. Anders als bei vielen Expeditionen üblich, liess sich das Trio zunächst nicht mit einem Buschflugzeug auf den Gletscher bringen. Stattdessen bewältigten die drei den Anmarsch auf Ski und transportierten jeweils rund 60 Kilogramm Material in Pulkas. Für den Weg bis ins Basecamp auf rund 2'200 Metern waren ursprünglich zehn Tage eingeplant. Neuschnee, Whiteouts und ein später Wintereinbruch verlängerten den Zustieg jedoch auf etwa zwei Wochen. Zeitweise kam das Team lediglich rund zwei Kilometer pro Tag voran. Vom Basecamp ging es über fünf Hochlager weiter nach oben. Am 30. Tag musste Laetitia Lam den geplanten Gipfelversuch wegen Erfrierungen an einem Finger abbrechen. Renggli und Hofmann entschieden sich daraufhin gegen den ursprünglich vorgesehenen zweitägigen Gipfelvorstoss und für einen langen Push vom Camp 4 bis zum Gipfel und zurück.
Tobias Renggli unterwegs zwischen den Gipfeln mit seinem Scott Addict Gravelbike.
32 Stunden für den Gipfeltag
Um vier Uhr morgens brachen Renggli und Hofmann auf. Die Route führte über Fixseile, einen Grat zum Lager auf 5'200 Metern sowie eine vereiste Traverse zum Denali Pass auf 5'550 Metern. Am frühen Abend des 15. Mai standen die beiden schliesslich auf 6'190 Metern – dem höchsten Punkt Nordamerikas. Renggli war damit der erste Bergsteiger der Saison 2026 auf dem Gipfel. Die Temperaturen lagen bei rund minus 40 Grad, mit Windchill bei etwa minus 55 Grad.
«Ich habe mir diesen Moment sehr oft vorgestellt. Aber ich habe mir auch sehr oft vorgestellt, wie es nicht klappt.»
Der Abstieg entwickelte sich zur eigentlichen Belastungsprobe. Das Wasser war aufgebraucht, Höhe und Dehydrierung machten sich bemerkbar. Erst nach insgesamt 32 Stunden erreichten Renggli und Hofmann wieder ihr Zelt in Camp 4. Vorgesehen waren ursprünglich 18 bis 24 Stunden. Am 20. Mai wurde das Team nach insgesamt 36 Expeditionstagen vom Kahiltna-Gletscher ausgeflogen.
1200 Kilometer mit dem Velo zum nächsten Berg
Viel Zeit zur Erholung blieb nicht. Ende Mai setzte Renggli seine Reise mit dem Velo fort. Rund 1'200 Kilometer führten ihn von Anchorage über den Alaska Highway nach Silver City am Kluane Lake im kanadischen Yukon – Ski und Hochtourenausrüstung inklusive. Nächstes Ziel: der 5'959 Meter hohe Mount Logan, der höchste Berg Kanadas. Anders als am Denali war ein vollständig eigener Zustieg laut Media Kit aufgrund der abgelegenen Lage und des fortgeschrittenen Zeitpunkts in der Saison nicht möglich. Am 9. Juni wurden Renggli und Hofmann deshalb mit einem Kleinflugzeug und insgesamt 150 Kilogramm Material ins Basecamp gebracht. Auch dort spielte das Wetter nicht durchgehend mit. Ein Sturm mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 km/h und rund 70 Zentimetern Neuschnee sorgte für Wartetage und erhöhte Lawinengefahr. Am 20. Juni, dem zwölften Tag der Expedition, gelang schliesslich der Gipfelvorstoss. Die Bedingungen waren windstill und mit minus 25 Grad vergleichsweise warm. Am 22. Juni endete die Expedition nach genau zwei Wochen. Tobias Renggli und Heli Hofmann waren laut den Unterlagen das letzte Team der Saison 2026 am Mount Logan.
Zwei von 35 Gipfeln
Mit Denali und Mount Logan hat Renggli die ersten beiden Etappenziele seines Projekts erreicht. Die geplante Route führt von Prudhoe Bay an der Nordküste Alaskas bis nach Ushuaia in Feuerland. Als Nächstes sollen die höchsten Gipfel Mexikos und Zentralamerikas sowie eine Karibik-Etappe mit 15 Inselstaaten folgen. Für den 22-jährigen Schweizer ist es nicht das erste Langzeitprojekt dieser Art. Mit 16 Jahren wurde Renggli Schweizermeister im Berglauf. Zwei Jahre später bereiste er laut Media Kit alle 44 Länder Europas, besuchte jede Hauptstadt und bestieg jeweils den höchsten Gipfel – mit Velo und zu Fuss. 2024 folgten innerhalb von drei Wochen die höchsten Gipfel aller 26 Schweizer Kantone. Der daraus entstandene Film «Gipfeli of Switzerland» läuft laut den Unterlagen 2025 auf der European Outdoor Film Tour.
«Beide Berge in derselben Saison – das ist ein Traum. Nie hätte ich das für möglich gehalten.»
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