Clemens ist zum ersten Mal im Herzen der Dolomiten – und das bei Kaiserwetter. Keine Wolke trübt den Himmel über den Bergspitzen. Der Zauber aus bizarren Felstürmen, mächtigen Kalkmassiven und lichten Arvenwäldern lässt Clemens ehrfürchtig verstummen. Er steht auf Action-Sport. Freeski, Biken, Sprünge, Wurzeltrails. Je mehr Adrenalin, desto besser. Aber jetzt entdeckt er gerade eine andere Seite des Bikens. Der Action-Held wird zum Geniesser. «So grossartig hab‘ ich mir das nicht vorgestellt», findet Clemens nach einer Weile wieder die Sprache. «Ob du’s glaubst oder nicht …», meint er, «da ist mir für eine Weile jeder noch so heisse Downhill, jeder Kicker im Bike-Park egal. Ich will einfach nur hier sitzen und die Berge in mich aufsaugen.» Die Zeit scheint still zu stehen. Erst ein leises «Sollen wir … weiter …?» von Richard bringt Clemens' Uhr wieder zum Ticken.
Holy Trails am Heiligkreuzkofel
Guide Richard hat eine andere Idee. Wie ein unauffälliges Band, das den Berg zusammenhält, windet sich in entspanntem Auf und Ab ein Trail unterhalb der Felswände von Heiligkreuzkofel und Medesspitze dahin.
Nach einer Weile deutet Richard mit dem Kopf nach rechts. Rechts heisst in diesem Fall: bergab. Teils schottrig, teils auf feinen Waldpfaden zieht sich ein Singletrail runter zur Malga Munt Pasciantadù. In einer Gegend, in der auf der einen oder anderen Luxus-Berghütte schon mal Hummer und Edelfische aufgetischt werden, ist die Alp ein Kleinod an Bodenständigkeit. Drei, vier einfache Gerichte, mehr gibt’s bei Wirtin Benedicta nicht. Dafür ist alles hausgemacht. Fünf Sterne haben Benedicta und ihre Malga verdient, wenn es um die Bewahrung authentischer Alp-Kultur geht.
Berge in Flammen
«Auf diesen Ritt», prostet Clemens beim Abendessen. Er hebt das Glas mit dunklem, vollmundigem Lagrein. «So leicht wird das nicht zu toppen sein.» Meint er die Schlutzkrapfen, die auf dem Teller vor ihm dampfen? Oder den Wein? «Nein, nein!», schüttelt Clemens den Kopf und lacht. «Ich mein‘ die Tour heute!»
knackigen Rampen wird der
Trail im Abendlicht zum
leuchtenden Pfad
Bergriesen und Flowtrails
Wie gut es tun kann, diese unwirkliche Berglandschaft auf sich wirken zu lassen, erzählt am Ende des Tages Paolo. Auf der Rückfahrt nach Badia legen Clemens und der Fotograf noch einen Schlenker zum Weiler Pransarores oberhalb des Ortes ein. Im Garten eines Bauernhauses mit Holzfassade steht Paolo. Clemens winkt ihm zu, und nach ein paar Minuten sind die beiden mittendrin in einem angeregten Gespräch. Paolo stellt ein paar Flaschen Bier auf den Gartentisch. «Ich bin nicht von hier», erzählt Paolo und streicht mit der Hand über seine grauen Bartstoppel, «ich bin in Norditalien aufgewachsen, im Flachland südlich der Alpen.» Viele Jahre verbrachte er als Offizier eines Öltankers auf hoher See – bis er nach einem privaten Schicksalsschlag das Gefühl hatte, er bräuchte wieder festen Boden unter den Füssen. Zufällig kam er in die Dolomiten und blieb. «Die Berge helfen, sich wieder neu zu erden», sinniert Paolo. Mittlerweile macht er im benachbarten Grödnertal in einer weltbekannten Manufaktur für Bildhauerei eine Ausbildung zum Holzschnitzer.
Bewegte Berggeschichte
Purer Spass ist zum Grande Finale des Trips angesagt. Im Bikepark von St. Kassian schiesst sich Clemens über einen Kicker in den makellos blauen Dolomitenhimmel und jagt anschliessend durch eine Serie von Steilkurven. «Wer sagt’s denn, jetzt bekomme ich doch noch meine Action-Trails!», meint Clemens am Ende der Line und klopft sich den Staub von den Bikeshorts. «Aber wenn ich ehrlich bin, die Trail-Touren durch die Zauberberge rocken noch viel mehr!»
Reiseinfos Alta Badia
Alta Badia, das obere Abteital, liegt im Herzen der Dolomiten. Anreise per Auto über die Brennerautobahn und bei Brixen Nord ins Pustertal. Nahe Bruneck Richtung Süden, Alta Badia. Alternative: von der Autobahnausfahrt Waidbruck/Ponte Gardena über Gröden und das Grödner Joch nach Alta Badia. Per Bahn: zum Bahnhof Bruneck und weiter per Bus nach Alta Badia.
SAISON
Juni bis Ende September. Die Chancen auf beständiges Schönwetter und klare Tage sind im Spätsommer am höchsten. Das Klima ist in den Tallagen angenehm. Im Hochgebirge sollte mit Wetterumschwüngen gerechnet werden.
Keine Tour ohne Traumpanorama. Egal, ob Genusstour, Enduro-Abfahrt oder spassiger Flow-Trail – eine imposante Kulisse ist auf allen Routen garantiert. Eines von vielen Highlights: die Tour am Heiligkreuzkofel und zu den Armentara-Wiesen. Ein unvergesslicher 360-Grad-Rundumblick wartet auf der Pralongià und der Störes Tour. Geschichtsträchtig ist ein Abstecher zum Passo di Valparola mit Besuch des Museo della Grande Guerra. Und natürlich ist von Alta Badia aus auch ein Einstieg in die Bike Sellaronda mit Liftunterstützung möglich. Detaillierte Infos und Touren: auf den Websites der Bikehotels, auf bike-holidays.com und sellaronda-mtb.com
ÜBERNACHTEN
In Alta Badia sind Mountainbiker und E-Biker bestens aufgehoben. Drei Bike-Hotels dienen als perfekte Basislager – vom Wäscheservice über Bike-Waschplätze, Leihbikes und videoüberwachtem Bike-Keller bis hin zu Infos zur Tourenplanung aus erster Hand. Geführte Touren mit professionellen einheimischen Guides zählen ebenso zum Angebot.
Hotel Melodia del Bosco ***: melodiadelbosco.it
Hotel Pider***: pider.info
Hotel Gran Paradiso****: gran-paradiso.it
EVENTS
Hero Südtirol Dolomites Bike-Marathon, 18. Juni: Einer der härtesten und landschaftlich spektakulärsten Mountainbike-Marathons der Alpen. Anmeldung: herodolomites.com
ALLGEMEINE INFOS
Tourismusbüro Alta Badia: altabadia.org
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