Gravelbiken im Dreiländereck, spektakuläre Alpenpässe und abwechslungsreiche Wege zwischen Engadin, Tirol und Südtirol: Die Dreiländerregion zählt zu den eindrucksvollsten Gebieten für mehrtägige Gravel-Touren in den Alpen. Wer grenzüberschreitend unterwegs sein will, findet hier einige der besten Gravel-Routen rund um Reschenpass, Stilfserjoch und Unterengadin.
Opfer des Fortschritts am Reschensee: Der ikonische Kirchturm ist alles, was vom für die Wasserkraft überfluteten Dorf Graun noch sichtbar ist.
Kaum eine Alpenregion bietet eine derartige Vielfalt an Landschaften, Wegen und historischen Geschichten wie das Dreiländereck zwischen Engadin, Tirol und dem Obervinschgau. Perfekt für die Gravel-Profis vom Bixs Race Team, um mal ohne Eile unterwegs zu sein. Dieses Mal ist alles anders. Die Profis vom Bixs Race Team machen ihre Gravelbikes startklar. Keine Hektik, keine Nervosität. Dafür entspannte Vorfreude in Erwartung auf eine Gegend, die wie kaum eine andere zeigen wird, was Gravelbiken bieten kann: eine beeindruckende, entschleunigende Zeitreise. Die Pro-Rider nutzen die wettkampffreie Sommerpause für aktive Erholung – genau das, was auch für Hobby-Biker Teil der Gravel-Faszination ist. Im Vorfeld war das Ziel schnell klar: In die Dreiländerregion rund um das Unterengadin, den Reschenpass und das Stilfserjoch sollte es gehen. Ein Trip ohne Ländergrenzen und auch ohne Limits, was den Untergrund angeht. Ein vielseitiger Mix aus Schotterwegen, Saumpfaden und geteerten Alpenpässen. Noch ein paar letzte Utensilien in die Rahmentasche, schon geht’s los: von Scuol flussabwärts am Inn entlang. Die Route führt vom romanischen Engadin ins deutschsprachige Tirol und in den Südtiroler Vinschgau. Historisch und kulturell treffen hier Welten aufeinander. Architektur, Küche und Dialekte verändern sich innerhalb weniger Stunden, bisweilen sogar auf wenigen Kilometern.
Mit leichtem Gepäck können problemlos auch längere Tagesetappen ins Visier genommen werden.
Vom Engadin nach Tirol – ein sanfter Einstieg
Kurz hinter der Grenze zu Tirol zieht sich die Strasse langsam nach oben. Der Blick weitet sich, die Gedanken werden ruhiger. Der Übergang vom Unterengadin hinauf nach Nauders führt über die «grüne Grenze». Menschenleer ist der Wald von Ravitschals. Gleichmässig kurbeln die Beine. Vögel zwitschern. Bald ist Nauders erreicht. Mountainbiker schätzen die Enduro-Trails der Region. Doch auch Gravelbiker kommen hier auf ihre Kosten. Schon seit Jahrtausenden zählt der Reschenpass zu den wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen in den Alpen. Bereits in keltischer Zeit verbanden Saumpfade das Oberinntal im Norden mit dem Vinschgau im Süden. Um das Jahr 50 nach Christus wurde der Reschenpass Teil der Römerstrasse Via Claudia zwischen Italien und der Region um Augsburg. Noch heute durchzieht ein weites Netz aus Asphalt- und Schotterstrassen die Gegend um den Reschensee – perfekt für Gravelbiker. Nach dem intensiven Rennblock der vergangenen Wochen nimmt das Gravel-Team bewusst das Tempo raus und lässt den ersten Etappentag in der Saunalandschaft des Hotels in Nauders ausklingen. Während die Profis schwitzen, verleiht der Wäscheservice des Hotels den durchgeschwitzten Radklamotten wieder duftende Frische. Wenn das nur nach jedem Training so wäre!
Der Ausblick von der Stelvio-Passhöhe wird nie alt – auch 200 Jahre nach dem Bau der Strasse nicht!
Knackig bergauf: Ausdauertest Stilfserjoch
Am nächsten Morgen führt die Route Richtung Süden. Nach ein paar spassigen Runden auf dem Pumptrack von Nauders geht es weiter zum Reschensee. Der ehemalige Kirchturm von Alt-Graun steht einsam im See, umspült von den Wellen. Ein stummer Zeuge der Industrialisierung. Ein Beispiel dafür, wie eng Landschaft und Geschichte hier miteinander verwoben sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste das Dorf Graun einem Stausee weichen, um den wachsenden Energiebedarf zu decken. Allein der Kirchturm blieb als Wahrzeichen erhalten.
Wenige Kilometer weiter rauscht das Team auf einem perfekt ausgebauten Radweg dem nächsten Höhepunkt entgegen: Glurns. Mit nur 900 Einwohnern ist Glurns die kleinste Stadt Südtirols, eine mittelalterliche Perle. Umgeben von Wiesen mit Apfelbäumen charakterisiert eine vollständig erhaltene Wehranlage den Ort. Historische Stadtmauern, Laubengänge und Kopfsteinpflaster laden zum Bummeln ein. Wieder einmal heisst es, Tempo rausnehmen. Entspannt rollen die Graveler durch das Städtchen. Aus Radfahrersicht ist Glurns so etwas wie ein Knotenpunkt des Gravel-Abenteuers.
Von hier wäre es möglich, ins Val Müstair abzuzweigen oder noch tiefer in den Vinschgau einzutauchen. Gravel-taugliche Optionen gibt es viele. Bei Apfelstrudel und Espresso diskutieren die Team-Mitglieder über die Möglichkeiten. Schlussendlich «gewinnt» die anspruchsvollste Variante. Bereits auf den letzten Kilometern war das weisse Haupt von König Ortler beim Blick Richtung Süden allgegenwärtig. Wie ein Monument steht das 3905 Meter hohe vergletscherte Bergmassiv als Kulisse da. Zu seinen Füssen zieht sich die Stilfserjoch-Passstrasse von Prad (915 Meter) bis hinauf zum Joch auf 2757 Meter Höhe. Knapp 30 Kilometer lang, 1848 Höhenmeter, 48 Kehren, Steigungen bis zu 15 Prozent – allein die Daten zeigen: Das Stilfserjoch ist selbst für Bergspezialisten eine Herausforderung.
Die Gravel-Profis nehmen diese Challenge gerne an. Trotz Sommerpause wollen sie auch trainieren. Doch was noch mehr zählt, ist die Erfahrung: Die Stilfserjochstrasse ist mehr als ein Pass, sie ist ein Mythos. Der innerhalb von fünf Jahren von bis zu 2000 Arbeitern in harter Handarbeit gebaute Übergang galt bei seiner Fertigstellung 1825 als strassenbautechnische Meisterleistung. Ein sportliches Bravourstück ist es, den Pass in einem Rutsch durchzufahren. Das Gravel-Team entscheidet sich für eine etwas sanftere Variante, sicher auch für Hobbysportler eine überlegenswerte Alternative:
Das Berghotel Franzenshöhe liegt knapp 600 Höhenmeter unterhalb der Passhöhe und bietet sich als Stopp für eine ausgedehnte Verschnaufpause oder eine Übernachtung ebenso an wie als geschichtsträchtiger Aussichtspunkt. Im Ersten Weltkrieg wurde die zum Berghotel erweiterte ehemalige Postkutschenstation Franzenshöhe zum Dreh- und Angelpunkt der höchsten Gebirgsfront am Ortler. Der heutige Speisesaal diente als Krankenstation, auch eine Militärküche war hier untergebracht. Abseits der Hauptroute graben sich noch heute alte Militärstrassen in die Flanken. Immer noch lassen sich hinter der Franzenshöhe Richtung Madatschgletscher Munitionsreste finden. Für das Gravel-Team aber ist die Franzenshöhe ein Ort des Friedens und der Ruhe. Nach Dusche und einem Snack bleibt Zeit, um auf einer Bank zu sitzen und die Berge zu geniessen. Wenige Schritte entfernt vom Gasthaus öffnet sich der Blick auf den Ortler. Wie viele krampfende Oberschenkel er wohl schon gesehen hat?
«Aus Radfahrersicht ist Glurns so etwas wie
ein Knotenpunkt des Gravel-Abenteuers.»
In der Abfahrt durch das Val Mora nach Fuldera zeigt sich das Dreiländereck von seiner schönsten Seite.
Militärstrassen, Weite und das Val Mora
Nach einer kurzen Nacht im Massenschlag und einem reichhaltigen Frühstück beginnt der dritte Tag mit einem Paukenschlag: Die verbleibenden 570 Höhenmeter bis zum Kulminationspunkt stehen an. Die Höhenluft ist dünn. Der Puls pocht. Doch es hat sich gelohnt, früh aufzubrechen. So ist auf der Passstrasse noch wenig Verkehr. Und spätestens nach dem Kaffee auf der Tibethütte sind die Strapazen der Kurbelei vergessen. Erneut macht sich Vorfreude breit. Denn nun steht purer Gravel-Genuss bevor. Umbrail Pass, Bocchetta di Forcola, Lago di Cancano – in den Ohren von Gravel-Fans klingen die Namen wie die Kapitel eines spannenden Romans. Die Militärstrassen sind rau und kompromisslos. Genau darin liegt der Reiz. Weg vom Autoverkehr, rein in die hochalpine, baumfreie Landschaft. Nach unzähligen Kehren und zwei Reifenpannen ist es Zeit für eine Stärkung. Am Lago di Cancano werden Pizzoccheri aufgetischt – perfekt, um die Kohlenhydratspeicher wieder aufzufüllen. Die Sonne scheint, gut fürs Gemüt. So lässt sich auch der später einsetzende Nieselregen ertragen. Die Route führt auf der Nordseite der Stauseen zurück Richtung Schweiz. Rechts liegt das Valle di Fraele. Eine weitere Station der Zeitreise. In dem Hochtal zwischen Bormio und Livigno wurde erst 2025 einer der weltweit bedeutendsten Saurierspuren-Funde aus der späten Trias entdeckt. Tausende Fussabdrücke, rund 210 Millionen Jahre alt, ziehen sich dort über mehrere Kilometer an fast senkrechten Felswänden entlang. An den Ufern der Cancano-Stauseen rollt man heute durch eine hochalpine Kulisse, die einst eine tropische Lagunenlandschaft war, in der ganze Herden grosser Pflanzenfresser ihre Fährten hinterliessen. Die Dreiländer-Gravel-Route zweigt ab ins nächste Seitental. In das mystische Val Mora. Hier öffnet sich erneut eine urtümliche Welt. Eine weite Hochebene, kaum bebaut, still. Kein Handy-Empfang, kein Lärm, nur Wind, Kies und tiefhängende Wolken. Auf der Passhöhe des Passo di Val Mora lichtet sich die Wolkendecke. Noch einmal blickt das Gravel-Team zurück. Die Abendsonne taucht das Tal in goldenes Licht. Fast zu schön, um wahr zu sein. Nach der langen, flowigen Abfahrt setzt sich in Fuldera im Val Müstair im Landgasthof die kulinarische Reise fort. Zurück im Tal bietet die Bündner Küche genau das, was lange Tage im Sattel verlangen: währschafte Capuns, Maluns oder eine dampfende Bündner Gerstensuppe, gekocht aus einfachen lokalen Zutaten wie Gerste, Kartoffeln und Käse aus dem Hochtal. Die Augen am Tisch leuchten. Jeder ist inspiriert von den Erlebnissen der letzten Tage. Und die Gravel-Reise ist noch nicht zu Ende.
Das Dorf Lü hoch über dem Münstertal – auch hier zeigen sich die mit Sgraffito verzierten Fassaden der historischen Häuser von ihrer schönsten Seite.
Costainas Pass: Ein stiller Höhepunkt
Der letzte Tag grüsst mit wolkenlosem Himmel. Postkartenwetter. Noch einmal geht es bergauf. Der Costainas-Pass ist ein stiller Höhepunkt: erst lieblich, dann steil, vor allem aber abgeschieden. Einer der höchsten mit dem Gravelbike befahrbaren Übergänge Graubündens. Er verbindet mit einer einsamen Schotterpiste auf 2250 m Höhe das wilde Val S-charl mit dem Val Müstair. Oben öffnet sich der Blick ins Val S-charl. Es bildet zusammen mit dem angrenzenden Nationalpark und dem Naturwaldreservat God da Tamangur ein Mosaik aus lichten Arven- und Lärchenwäldern. Eine wohltuende Ruhe breitet sich aus. Hinter dem Team liegen drei Tage, drei Länder und unzählige Eindrücke. Die Abfahrt durch die Clemgia-Schlucht nach Scuol setzt einen passenden Schlusspunkt: roh, steinig, eindrücklich. Die Abfahrt führt in eine eindrucksvolle Klamm mit Stegen und galerieartigen Passagen. Am Ende der Schlucht weitet sich das Tal abrupt. Am Inn entlang ist es nur noch ein Katzensprung bis zum Ausgangspunkt in Scuol. Für die Mitglieder des Gravel-Teams geht die Dreiländer-Tour zu Ende. Eine bewegende alpine Runde, die zeigt, wie viel Abwechslung ein mehrtägiger Gravel-Trip bieten kann.
Mit echtem Team-Work ist das Malheur flugs behoben.
DREILÄNDER-GRAVEL
Charakter
Ein weites Netz aus asphaltierten Bergpässen und Schotterwegen ermöglicht in der Dreiländerregion rund um das Unterengadin, den Reschenpass und das Stilfserjoch eindrucksvolle, grenzüberschreitende Gravel-Touren. Zu den Highlights zählen die legendäre Passstrasse zum Stilfserjoch sowie das einsame, wilde Val Mora.
Anreise
Mit der SBB und der RhB via Vereina-Tunnel nach Scuol.
Mit dem Auto aus der Schweiz via Flüela Pass oder per Autoverlad ab Klosters ins Engadin oder aus Deutschland und Österreich via Landeck (AUT).
Saison
Juni bis Anfang Oktober. Der Stelviopass liegt auf 2757 m Höhe und öffnet je nach Schneemenge meist im Mai oder Juni. Zuvor ist die Runde nicht fahrbar. Dann ist an Nordhängen noch mit Schnee zu rechnen. Also vorab Informationen über die aktuellen Bedingungen einholen.
Etappen
Die Etappen sind nicht sonderlich lang, dennoch haben sie es in sich.
Oftmals ist man ohne Handy-Empfang. Das Wetter kann im hochalpinen Raum schnell umschlagen. Gute, wetterfeste Kleidung mitzunehmen ist sicher gut investiertes Zusatzgewicht. Eine Saddlebag und eine Rahmentasche reichen aus, um von Hotel zu Hotel zu gelangen. Minimale Reifenbreite 700x40 mit Ersatzschlauch, denn zwischen Prato und Scuol liegt kein Fahrradgeschäft direkt an der Strecke.
Scuol (CH) – Nauders (AUT):
31 km, 690 hm
Nauders – Franzenshöhe (ITA):
55 km, 1550 hm
Franzenshöhe – Fuldera (CH):
59 km, 1550 hm
Fuldera – Scuol:
37 km, 790 hm
Übernachten
- Scuol: Hotel Bellaval, Tel. 081 864 14 81, bellaval-scuol.ch
- Nauders: Naudererhof Alpin Art und Spa Hotel, +43 5473 87704, naudererhof.at
- Franzenshöhe: Berghotel Franzenshöhe, +39 335 532 1714, franzenshoehe.com
- Fuldera: Hotel Landgasthof Staila, 081 858 51 60, hotel-staila.ch
Einkehren
- Glurns: Flurin – Bar, Restaurante & Suites, +39 0473 428136, flurin.it
- Gasthof Grüner Baum, +39 0473 831206, gasthofgruenerbaum.it
- Prad: diverse Einkaufs-, Rast- und Übernachtungsmöglichkeiten vinschgau.net
- Stelviopass: Tibethütte, wenige Höhenmeter oberhalb der Passhöhe, bietet einen grossartigen Ausblick auf die Passstrasse und die umliegenden Berge, tibet-stelvio.com
- Lago Cancano: Rifugio Ristoro Solena, +39 348 7366439, ristorosolena.it
- Rifugio Ristoro Val Fraele, +39 339 7074729, rifugiovalfraele.com
- S-Charl: Gasthaus Mayor, 081 864 14 12, gasthaus-mayor.ch
- Alpengasthof Crusch Alba ed Alvetern, 081 864 14 05, cruschalba.ch
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