Hartes Vergnügen

Graveln in Lugano

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Datum: 17.04.2026

Höhenmeter satt, traumhafte Panoramablicke, mediterranes Flair und ein teils jahrhundertealtes Wegenetz locken Gravelbiker an den Lago di Lugano. Ein eindrucksvoller Konditionstest auf abwechslungsreichen Waldwegen, Singletrails und knackigen Asphaltanstiegen.

Im Tessin ist es für Gravelbiker gerade zu Beginn der Radsaison noch ein bisschen schöner. Während die Nordschweizer zum Saisonstart noch bibbern und Matsch statt Staub die Fahrradstrecken dominiert, kommen rund um Lugano erste Sommergefühle auf. Die Dreitausender rund um den San-Bernardino-Pass wirken gegen die letzten Kaltfronten aus dem Norden wie ein natürlicher Schutzwall. In der Statistik der Schweizer Orte mit den meisten Sonnenstunden liegt Lugano auf Rang zwei. Und nicht selten klettert das Thermometer schon im April über die 20-Grad-Marke. «Ideal für einen genussvollen Saisonstart», meint Daniel Knecht, der regelmässig zum «Klimaflüchtling» wird, wenn es in seiner Heimat auf der Alpennordseite kühl und nass ist. Die Region ist durchsetzt von unzähligen kleinen Bergdörfern. Entsprechend gross ist das über Jahrhunderte gewachsene Wegenetz, das die Ortschaften und Weiler miteinander verbindet – wie geschaffen für ein langes Gravel-Wochenende.

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© Christian Penning

Knackig: Einige Sektionen der Malcantone-Tour 
fordern Fahrer und Material.

Kunst auf den Ziegenhügeln

Geschäftiger Knotenpunkt ist Lugano. Wie schattige Schluchten wirken die engen Gassen in Luganos Altstadt. Schnell noch ein Espresso unter Palmen, dann kurbelt Daniel mit Santina Malacarne hinauf in die Hügel der Capriasca. Die Bezeichnung kommt von «Capra», was auf Italienisch Ziege bedeutet. Ein Hinweis auf die Ziegenherden, die einst über die Hügel nördlich von Lugano streiften. Die «Vedeggio River Gravel Bike Tour» ist eine von vier offiziellen Gravel-Routen in der Region. Knapp 820 Höhenmeter, 60 Kilometer, ein paar knackige Steigungen, aber auch entspannte Flachpassagen – genau das Richtige zum Einrollen. Hinter Tesserete wechselt der Untergrund von Asphalt auf Schotter. In weiten Schleifen windet sich der Weg durch fast parkähnliche Waldlandschaften. Immer wieder säumen Kunstinstallationen die Route. «Artinbosco», eine permanente Kunstausstellung im Wald, überrascht im sonnendurchfluteten Buchenwald und zeigt: Hier gibt es mehr zu sehen als einfach nur staubige Gravel-Pisten. Kunst und Kultur vermischen sich mit Sport und Natur zu einer inspirierenden Melange. Perfekt passt dazu auch die Unterkunft Cà San Matteo. Das Bed & Breakfast thront etwa 300 Höhenmeter über dem Luganersee. Auf der Terrasse serviert Caterina am nächsten Morgen das Frühstück mit lokalen Käsesorten und Kräutern aus dem Garten. Obwohl inmitten des Ortsteils Cagiallo gelegen, schweift der Blick von der Terrasse des Cà San Matteo über ein Meer aus grünen Hügeln. Das Haus ist Teil eines kleinen Weinguts. Klassische, nachhaltige Weinanbautradition trifft hier auf moderne Architektur. Für Weinliebhaber organisieren die Besitzer Fernando und Nicoletta Degustationen und Führungen durch die Rebberge. Mitarbeiterin Caterina schwingt sich, wenn sie frei hat, aufs Gravelbike. Für sie ist es der perfekte Untersatz, um die Vielfalt der Gegend zu entdecken.

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© Christian Penning

Kunst und Kultur: Die Lugano-Halbinsel-Tour führt durch das Künstlerdorf Carona mit der Kirche San Giorgio.

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© Christian Penning

Fjord-Feeling: Graveln im Parco San Grato über dem Luganersee

Sanft, aber nicht harmlos

«Schliesslich ist Vielseitigkeit die Grundidee des Gravelns …», überlegt Santina Malacarne zu Beginn der «Malcantone Hills Gravel Bike Tour» im Anschluss an das idyllische Zmorge. Asphaltanstiege als Rampe zum Bewältigen der Masse der Höhenmeter, gepaart mit Naturerlebnis auf Schotterwegen und Trails. On- und Off-Road in einem Atemzug, eine Einheit wie Berge und Seen in der Region Lugano. Benannt ist die Tour nach der sanft geschwungenen, dicht bewachsenen Hügellandschaft, die sich vom Golf von Agno am Luganersee bis zum Monte Lema hinaufzieht. Doch aufgepasst! Man sollte «sanft» nicht mit «anspruchslos» verwechseln. Denn so harmlos die Hügelkette aus manchem Blickwinkel scheint – die Tour hat es in sich. Knackig steil windet sich das Strässchen von Bioggio hinauf nach Cademario. Hier zahlt sich eine kleine Bergübersetzung aus. Gut, dass am Morgen die Bäume immer wieder Schatten spenden. Trotzdem fliesst bald der Schweiss. Die Tour hinauf in die Berge gleicht einer Zeitreise. Uralte Kastanienhaine wechseln mit Streuobstwiesen. Dazwischen Dörfer mit verwinkelten Gassen und Kopfsteinpflaster. Wie die Schindeln eines Dachs drängen sich die Häuser von Breno auf einem Hügel an den Ausläufern des Monte Tamaro. Oben drüber thront einer Wetterfahne gleich die Kirche.

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© Christian Penning

Purer Genuss: Neben Kultur bietet die Lugano-Halbinsel auch idyllische Natur.

Der Apéro will verdient sein

Hinter Curio wird der Schotterweg bald zum Trail. Der Wald wird dichter, die Körnung des Untergrunds gröber. Lichtungen mit Blicken auf den Luganersee wechseln mit beinahe dschungelartigen, grünen Schluchten. Auf flowige Abschnitte folgen knackige Passagen mit Wurzeln und losem Geröll. Spätestens hier machen sich gut profilierte und relativ breite Tubeless-Reifen bezahlt. Als sich Daniel ehrgeizig daran macht, eine dieser Schlüsselstellen fahrend zu meistern und sein Gravelbike nicht zu schultern, überholen ihn zwei Mountainbiker, gepanzert mit Vollvisierhelmen und Downhill-Protektoren. Beide Parteien gucken ziemlich verdutzt. Wer ist hier wohl unter- und wer übermotorisiert? Die Szene zeigt, Vergnügen gibt es für Graveler in den Hügeln am Luganersee nicht umsonst. Der Apéro auf der Piazza am See oder im Grotto will verdient sein. Trainierte Beine, sicheres Handling auf losem Untergrund und mentales Durchhaltevermögen, um auf langen, knackigen Anstiegen auch mal «beissen» zu können, zählen zu den Grundvoraussetzungen, um hier auf dem Gravelbike wirklich Spass zu haben. Doch keine Angst, Gelegenheiten für entspannte Pausen und zur Belohnung für die Bewältigung dieser Herausforderungen warten hinter fast jeder Ecke. Mal ist es ein rustikales Grotto, mal ein edles Restaurant unter schattenspendenden Kastanienbäumen mit Seeblick. Diese Tessiner Gravel-Atmosphäre ist verführerisch: Kaum sonst wo in den Alpen ist der Mix aus Anstrengung und Leichtigkeit so verdichtet wie hier. Die sportliche Challenge – steile Anstiege, technisch fordernde Schotterpassagen und Trails – wird nicht als asketische Leistung zelebriert. Vielmehr ist sie das Entrée für den späteren genussvollen Teil. Man schwitzt, um zu essen. Man quält sich bergauf, um zu schauen. Man holpert über Wurzel-Trails, um anschliessend entspannt in den kühlen See zu springen. Ein körperliches wie mentales Wellness-Programm mit einem wohltuenden Wechselbad der Eindrücke und Gefühle.

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© Christian Penning

Badestopp: Das ehemalige Fischerdorf Morcote lädt 
ein zu einem Sprung in den 
Luganersee.

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© Christian Penning

Gelato! Keine Tour ohne Halt in der Gelateria.

Exotisches Naturerlebnis

In diesem Sinne bietet auch der dritte Tag an diesem langen Wochenende ein grossartiges Kontrastprogramm. Ziel: die Lugano-Halbinsel. Der Landzipfel südlich von Lugano ist so etwas wie das Tessin im Hosensackformat. Innerhalb weniger Stunden lässt sich all das erleben, was die Region Lugano und die angrenzenden Gebiete ausmacht: alpine Steilheit und mediterrane Leichtigkeit, Tiefblicke auf den fjordartigen See, verwilderte Olivenbäume, Buchenwälder und Eichenhaine, Klöster, Kirchen, uralte Dörfer mit rustikalen Steinhäusern und eleganten Villen sowie ein immer wieder durchschimmernder Sinn für Kunst. Exotisch wirkt der Parco San Grato. Der botanische Garten nahe dem Dorf Carona wurde Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt. Ein Teil der Route führt mitten durch den Park. Ein exotisches Naturerlebnis mit fremden Düften, seltenen Nadelbäumen und Hunderten von Azaleen- und Rhododendron-Arten. Ein paar Minuten Pause im Parco reichen, um zu verstehen, warum das Tessin seit jeher Künstler, Schriftsteller und Lebenskünstler anzieht. Hermann Hesse, der zeitweise im nahen Montagnola lebte und hier die Literaturklassiker Siddhartha und Der Steppenwolf schrieb, fand in dieser Mischung aus alpiner Strenge und südlicher Sinnlichkeit die Ruhe, die ihm nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland fehlte. «Hier im Tessin», notierte er 1920, «ist die Welt noch in Ordnung.» Das klingt pathetisch, aber wer nach zwei, drei Stunden im Sattel vom Parco San Grato auf den See hinunterschaut, versteht, was er meinte. Das Hermann Hesse Museum in Montagnola, nur wenige Kilometer westlich der Peninsula-Route gelegen, bewahrt so manchen literarischen Schatz: Manuskripte, Aquarelle – Hesse war leidenschaftlicher Maler –, persönliche Gegenstände aus seinem Wohnhaus, der Casa Camuzzi.

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© Christian Penning

Ausklang: Die Terrasse des Restaurants Locanda dal Bigatt bietet Traumblicke auf Lugano und den See.

Hitze, Hesse und Abkühlung im See

Wenig später kurbeln Santina und Daniel über offene, weite Wiesen. In der Sonne leuchten sie wie Gold. Bald ist das Örtchen Morcote am südlichen Zipfel der Lugano-Halbinsel erreicht – geografisch Endstation am Ende der Halbinsel, atmosphärisch aber ein Höhepunkt der Tour. Ein bisschen mondän, aber immer noch mit der ursprünglichen Atmosphäre eines Fischerdorfes. Die Wellen glitzern in der Sonne. Segelboote gleiten langsam über den See. Zeit, nach dem schweisstreibenden Gerüttel auf den Trail-Sektionen vom Bike zu steigen. Zeit für eine Abkühlung im See. Zeit, zu relaxen und zu geniessen. Zum Abschluss der Halbinsel-Tour ist es auf den letzten Kilometern nur ein kleiner Schlenker zum Hotel und Restaurant Locanda dal Bigatt. Die renovierte Villa liegt oberhalb des Luganer Stadtteils Paradiso – mit wahrhaft paradiesischem Blick auf die Bucht von Lugano und die Bergketten um den Monte Brè. Der Himmel über den Bergen verfärbt sich in pastelliges Orange, als die Sonne untergeht und am Seeufer ein Lichtermeer zu leuchten beginnt. Sprachlos schauen Santina und Daniel hinab. Ein Blick, genauso unwiderstehlich wie das Menü aus knackigen Trails und süssem Leben. Die Region Lugano ist eben nicht einfach nur ein Ziel für Gravelbiker. Es ist eine süsse Belohnung für schweissvoll verdiente Kurbelei.

Gravelbike-Touren

Drei neue Routen ergänzen das Streckenangebot in der Region Lugano auf nun vier offizielle Gravelbike-Touren mit der bestehenden «Lugano Gravel Bike Tour». Alle bieten eine Möglichkeit für eine kürzere Variante.

Vedeggio River

Idyllische, waldreiche Route durch die Hügel der Capriasca und entlang des Flusses Vedeggio zum Passo del Monte Ceneri. Der Lago d’Origlio wartet im Sommer mit Erfrischung auf.

Fahrtechnik: 3/5
Kondition: 4/5
Distanz: 60,5 km
Höhendifferenz: 820 hm

Lugano Peninsula

Berge, See, Wälder und weite Wiesen – die Tour auf der Lugano-Halbinsel begeistert durch ihre Vielseitigkeit. Zu den Highlights zählt das Örtchen Morcote – einer der schönsten Orte der Schweiz.

Fahrtechnik: 4/5
Kondition: 4/5
Distanz: 42,8 km
Höhendifferenz: 1070 hm

Malcantone Hills

Abwechslungsreiche Tour durchs Malcantone mit idyllischen, alten Ortschaften und einigen traumhaften Blicken auf den Luganersee. Die Tour ist sowohl konditionell als auch fahrtechnisch anspruchsvoll.

Fahrtechnik: 2/5
Kondition: 5/5
Distanz: 51,7 km
Höhendifferenz: 1260 hm

Gravel-Spot Lugano Region

Charakter
Lugano liegt im Herzen des Tessins, südlich des Alpenhauptkamms, an der Grenze zur italienischen Provinz Lombardei. Die Region verbindet auf engstem Raum alpines Gelände mit mediterranem Ambiente: Vom Seeufer auf 270 Metern steigen die Berge bis auf rund 2000 Meter an, durchzogen von einem dichten Netz aus historischen Saumpfaden, Forststrassen und Verbindungswegen. Dazu kommen kulturelle Highlights und eine vielfältige Gastronomie, die von rustikalen Grotti bis zu edlen Restaurants mit zwei Michelin-Sternen reicht. Damit ist die Region Lugano ein Bike-Paradies und Genussrevier zugleich.

Saison
Beste Zeit: April bis Oktober/Anfang November.

Übernachten
Cà San Matteo in Cagiallo, Bed & Breakfast für Biker
Tel. +41 58 220 6500
casanmatteo.ch

Weitere bikefreundliche Hotels:
luganoregion.com/bikefriendly

Einkehr auf Tour
Grotto Pan Perdü in Carona
Tel. 091 649 9192
panperdu.ch

Ristorante Pizzeria Della Posta in Novaggio
Tel. 091 606 1439

Canvetto Federale in Canobbio
Tel. 091 941 2552

Fine Dining
Ristorante La Sorgente in Vico Morcote
Tel. 091 996 2301
ristorantelasorgente.ch

Locanda dal Bigatt in Paradiso
Tel. 091 985 2880
hotelbigatt.com

Ristorante La Sosta in Carona
Tel. 091 649 9080
ristorantelasosta.ch

Grotti
Grotti sind die kulinarische Seele des Tessins – Gasthäuser, die ursprünglich als kühle Lagerstätten für Wein, Käse und Wurst dienten und meist an Quellen oder in Felsnischen erbaut wurden. Serviert werden Tessiner Spezialitäten.

Grotto Crivelli in Caslano
Tel. 091 606 1847
grottocrivelli.ch

Grotto dal Fuin in Agno
Tel. 091 604 6857
grottodalfuin.ch

Grotto della Salute in Massagno
Tel. 091 966 0476
grottodellasalute.ch

Grotto Valletta in Massagno
Tel. 091 797 4265
grottovalletta.com

Bikeshop und Verleih
Bike House in Tesserete
Tel. 091 930 0467
bikehouseseshop.ch

Balmelli Sport in Lugano
Tel. 091 923 5867
balmelli-sport.ch

Info
Lugano Region
Tel. 058 220 6500
luganoregion.com

Text: Christian Penning
Fotos: Christian Penning

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