Flüssiges Gold
MURMELAUTOBAHNEN SUCHT MAN HIER VERGEBENS.
Den «schönsten Kanton» entdecken
Für unser lang verschobenes Treffen hat Patric eine Region im Sottoceneri vorgeschlagen, die zwar nicht mit schroffen Gipfeln, dafür aber mit atemberaubenden Panoramen, einer verkehrsgünstigen Anbindung und mildem Klima bezirzt: das Malcantone. Bisher war ich hauptsächlich im Sopraceneri unterwegs oder habe die Klassiker befahren: Gottardo, Cardada, Monte Bar und die Pumptracks in Cevio und Mendrisio. Beim Blick aus dem Autofenster bieten die bewaldeten Hänge westlich der A2 kurz vor Lugano ein sehr vertrautes Bild – mit dem Mountainbike sind sie für mich völliges Neuland. Dabei offeriert diese letzte Enklave Schweiz, die wie eine Halbinsel in italienisches Staatsgebiet ragt, Höhendifferenz auf kleinstem Raum: Fast 1700 Höhenmeter schwingen sich die Vareser Voralpen vom Ufer des Luganersees bis zum Gipfel des Monte Tamaro in die Höhe. Der Reiz des Malcantone, meint Patric, liege jedoch in seiner Geschichte, die allerorts sichtbar sei. Für Mountainbiker insbesondere in Form seiner Wege: Allein um den 1619 Meter hohen Monte Lema ziehen sich Wanderwege und Trails dicht wie ein Spinnennetz durch die Wälder. Wir sind gespannt.
Hügelkette mit Abwechslung
Trail-Varianten.
Alle Zutaten für den perfekten Tag
Lange vor Sonnenaufgang schälen wir uns aus unseren Decken. Ein grossartiger Sternenhimmel spannt sich über uns. An den Ufern des Lago Maggiore und des Luganersees glitzern geschäftig die Lichter. Langsam errötet im Westen der Monte Rosa. Im Süden hüllt sich die Po-Ebene in Nebel. «Es tönt unglaublich, aber bei Nordföhn habe ich tatsächlich schon den Mailänder Dom von hier oben gesehen», erzählt Patric. Einmal mehr zeigt sich der Wert von «Ride with Guide», denn nur was man weiss, das erkennt man auch. Und weil Patric ziemlich viel weiss, sehen wir auch ziemlich viel.
Je höher die Sonne steigt, desto stärker wird sein Zeigefinger beansprucht. «Schaut, dort unten, die Terrassenfelder: Dort wurde früher langstieliger Roggen und Buchweizen angebaut.» Die zahlreichen Befestigungsanlagen, erklärt er, kämen nicht von ungefähr, verlief hier von Novaggio über Arosio und den Passo Ceneri in Richtung Bellinzona bereits zu den Zeiten der Römer eine Strasse. Von der Lombardei aus trat nicht nur die Labkäserei ihren Siegeszug über die Alpen an, sondern gelangte auch eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel aus dem Kaukasus ins Tessin: die Esskastanie. Als kantonales Kulturgut säumen auch heute noch zahlreiche steinalte «Kastanien-Selven», Streuobstwiesen nicht unähnlich, die Hänge des Malcantone. Jahrhundertelang war es die Kastanie, die die Menschen über den Winter brachte: bis zu 150 Kilo konnte die Ernte eines einzigen Baumes betragen. Die stachelige Schale ihrer Früchte verbeisst sich hartnäckig in weiche Gummimischungen. «Wer sich dafür rächen will, kann besonders im Herbst in den zahlreichen Grotti und kleinen Restaurants Station machen und sich Spezialitäten aus Kastanien munden lassen», lacht Patric verschmitzt.
Terroir für Bike und Rebe
Mundínn, der jedoch eher an einen vergessenen Indianerpfad im dampfigen Regenwald erinnert als an eine «gebaute» Waldautobahn. Am Monte Rocchetta zeigt Patric noch einmal hinüber nach Castelrotto: «Heute wird im Tessin zu 80 Prozent Merlot angebaut. Dort drüben seht ihr die Stelle, an der ein Pionier im 20. Jahrhundert die ersten Experimente mit der Merlot-Rebe machte, nachdem Ende des 19. Jahrhunderts eine Epidemie von Rebläusen den gesamten kantonalen Weinbergen den Garaus gemacht hatte.»
Wir sind uns einig, dass wir das Terroir des Tessiner Merlot auf jeden Fall noch einmal erschmecken müssen. In einem wilden Ritt vernichten wir deshalb die letzten Höhenmeter hinab nach Ponte Tresa und radeln durch den geschäftigen Verkehr hinüber auf die gegenüberliegende Halbinsel. Unter den Felswänden des Monte Caslano verbirgt sich ein kulinarisches Kleinod: Die Taverna dei Pescatori. Am restauranteigenen Bootssteg lassen wir die Füsse ins Wasser baumeln. Wir schaukeln mit den Yachten im sanften Rhythmus der Wellen. Die Nachmittagssonne glitzert. Der Schweiss trocknet zur feinen Salzschicht. Und die Torta della Nonna? Sie zergeht auf der Zunge. Oh Ticino!
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