Alice, die Kühne
Auf knarzenden Stufen geht Alice zu ihrer Wohnung. Ein grosses Fenster öffnet sich auf die mit Föhren, Arven und Tannen bestandenen Hügel des Piz Ajüz. Die Uina rauscht im Hintergrund. Alice zeigt hinaus. «Die ganze Gegend um Scuol ist geprägt vom Wasser, von den unzähligen Bächen und natürlich von den über 20 Mineralquellen. Die Region hat etwas sehr Energetisches. Ich komme immer gern hierher zurück, in der Natur fühle ich mich wohl.» In Scuol liegen die Wurzeln ihrer Leidenschaft für den Downhillsport. In den späten Neunzigern zimmern einige Freunde (unter ihnen der spätere siebenfache Schweizer Meister Claudio Caluori) Downhillstrecken mit kuriosen Namen wie «Zürcher Schleuder», «Forest Gump» oder «Foppes» in die Hänge des Unterengadin. Schnell gibt Alice der Aufforderung ihrer Kumpels nach und brettert selbst mit dem Mountainbike die Trails runter.
Von Podien und Abstellgleisen
Doch abzusehen war der Erfolg nicht: Als sie zum Studium nach Bern zieht, steigen der Druck und die Erwartungen an sich selbst. Zu wenig Regeneration, zu viele Renntermine. Eine Verletzung reiht sich an die nächste. Es kommt zu Auseinandersetzungen mit ihren Trainern, die sie auf dem Abstellgleis parken wollen. «Es ist schon hart, wenn dir mit 24 Jahren jemand sagt, du gehörtest nun zum alten Eisen und jetzt seien die Jungen dran. Stichwort Rachel Atherton …» Alice zweifelt, verliert den Glauben an sich selbst. Als ihr am World Cup in Willingen auch noch der Downhiller gestohlen wird, schmeisst sie hin. Leistungssport – nie wieder. Es sollte lange dauern, bis sie wieder ein Mountainbike anrühren wird.
am Lai Nair.
Parallelen
«Meine Ausbildung und Erfahrung lehren mich, dass Menschen ihr Potenzial immer dann am besten ausschöpfen können, wenn sie nicht nur physisch, sondern auch mental und emotional in der richtigen Form sind. Deshalb ist es so extrem wichtig, nicht nur den Athleten zu sehen, sondern den Menschen. Mitsamt seiner Geschichte, seiner Persönlichkeit und seinen individuellen Bedürfnissen.» Als eine schmale Gratwanderung zwischen Unter- und Überforderung sieht die Bündnerin ihre Aufgabe, den Glauben der Menschen an sich selbst und ihre Fähigkeiten zu stärken. Eine stete Entwicklung sei so bereits nach wenigen Wochen erkennbar. Das sieht Alice auch bei sich selbst. Sei es zusammen mit ihren Freundinnen vom «Pink Gravity»-Team im Bikepark Livigno oder mit ihrem Bruder auf den technischen Trails im Engadin – sie geht immer einen Schritt weiter und freut sich, wenn sie beim Biken eine Herausforderung meistert. Doch manchmal habe sie noch immer die Tendenz, zu viel auf einmal zu machen.
Machen statt meckern
Mit ihrem Engagement ist Alice seit langem ein Dreh- und Angelpunkt der Schweizer Downhillszene. Sie gründet das Frauenteam «Pink Gravity», ist integriert in die Ausbildung der Swiss Cycling Guides. Seit 2014 gehört sie der Fachkommission Swiss Gravity von Swiss Cycling an, arbeitet als Assistenztrainerin mit Lars Peyer. All diese Puzzlestücke ihrer Biographie führen dazu, dass die Schweizerin im September 2018 als Expertin neben Olivier Borer die Live-Übertragung der Downhill-Weltmeisterschaften im Schweizer Fernsehen moderiert – und zuletzt sogar das Amt der Nationaltrainerin angeboten bekommt. Sie fühlt sich geehrt – und ist sich trotzdem alles andere als sicher, ob sie diese Verantwortung übernehmen soll. Das Angebot kommt überraschend und zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Das Bewusstsein, wie viele Ressourcen diese 20-Prozent-Stelle einnehmen würde und wie viel dafür erwartet werde, lässt Alice zögern. Auf der anderen Seite könnte sie den Athleten eine sehr hohe Qualität des Trainings bieten, evidenzbasiert und ganzheitlich nach ihren eigenen Vorstellungen arbeiten. Zudem würde der Verband aufgrund ihrer Ausbildung zur Berufstrainerin Mittel von Swiss Olympic beantragen können. Mehrere Tage verbringt sie allein mit ihren Grübeleien, setzt ihre Prioritäten, giesst sie in ihre Rahmenbedingungen – und willigt schliesslich ein.
Netzwerken und Know-How
Auch in den sozialen Netzwerken ist sie primär deshalb aktiv, um die Lebenswelt ihrer jüngeren Athleten besser zu verstehen. «Sie erwarten völlig zu Recht, dass ich weiss, wovon sie reden. Und die sozialen Netzwerke beschäftigen die Jungen sehr, und setzen sie, meines Erachtens, auch enorm unter Druck: ‹Schau mal, welche Trainingsmethode der jetzt anwendet, auf welchem Material die jetzt fährt …› Dabei weiss sie selbst am besten, welche Schwierigkeiten das Athletenleben mit sich bringt, wie ungleich die Ausgangsvoraussetzungen manchmal sind. Allein, wie unterschiedlich die Anzahl der Trainingsstunden pro Woche ausfallen (6 - 17 Stunden), sage eine Menge über den jeweiligen Hintergrund der Athleten aus. Hält ihnen ein potenter Sponsor den Rücken frei oder müssen sie nebenher arbeiten? Bekommen sie Urlaub für die World Cups? Studieren sie noch? Welchen Trainer und welches Material können sie sich leisten? Bleibt noch Geld übrig für den technischen Support im Rennen?
Bei den Frauen sei es nicht ganz so schlimm, erzählt Alice, aber die Männer seien völlig besessen von ihrem Material. Wenn sie keinen Race Support hätten, erledigten sie die ganze Einstellerei selbst, telefonierten immerzu mit dem Mechaniker ihres Vertrauens – und vergässen dabei das Wesentliche: sich zu fokussieren. «An den Rädern schrauben alle wie verrückt. Körperlich trainieren alle wie verrückt. Aber mental ist noch deutlich Luft nach oben.» Diesen Aspekt will sie als Nationaltrainerin verstärkt bearbeiten. «Es ist ein Geschenk, ihren Weg zu begleiten, sie als Athleten – vor allem aber als Menschen – wachsen zu sehen an ihren Siegen und Niederlagen.» Genau das hat auch Alice in ihrem Leben weitergebracht.
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