Im Test: 10 Mountainbikes
voller Innovationen

Text: Christian Penning | Foto: Christian Penning
03.05.2022
Integrierte Design-Lösungen mit clever im Rahmen integrierten Federungssystemen, Bremsleitungen, Schaltzügen und Werkzeug-Boxen sind der Renner im Modelljahr 2022. Zudem sorgen neue Geometrien für mehr Abfahrtsspaß in allen Bike-Kategorien - ein kräftiger Innovationsschub bei Mountainbikes!
«Wir wollen doch alle nur spielen!» Worum es beim Mountainbiken und nicht zuletzt auch bei den technischen Neuerungen hauptsächlich geht, lässt sich genau auf diesen simplen Nenner bringen. Sich in den Sattel neuer Bikes zu schwingen, die noch ein bisschen mehr auf Fahrspaß, Komfort und Vielseitigkeit getrimmt sind, lehnt man als begeisterter Biker nun mal ungern ab. Den Entwicklern der Branche scheinen entsprechenden Ideen nicht auszugehen, was entsprechende Technik-Upgrades betrifft. Kaum zu glauben: Auch 42 Jahre nach dem ersten in industrieller Serienfertigung hergestellten Mountainbike – dem Specialized Stumpjumper – läuft die Innovationsmaschine immer noch auf hohen Touren. Einen der Nachfahren des «Ur-Stumpis» – das Specialized Stumpjumper EVO Expert, haben wir im Südtiroler Vinschgau beim großen BORN Biketest 2022 über die Trails gejagt und mit einer stattlichen Flotte weiterer Mountainbikes detailliert unter die Lupe genommen.
Im Test: 10 Mountainbikes voller Innovationen
Der Trend zu «Downcountry» Tourenbikes mit verlängertem Federweg setzt sich auch im Modelljahr 2022 fort.
Ein Blick auf die BORN Testflotte zeigt: Ein großer Trend des Vorjahres wird sich auch 2022 fortsetzen. Downcountry-Bikes haben mittlerweile bei fast allen großen Herstellern einen festen Platz im Portfolio. Musterbeispiele dafür sind das Cannondale Scalpel SE LTD Lefty und das Trek Top Fuel 9.9 XX1 AXS.

Leicht, vortriebsstark, kletterfreudig – in ihren Uphill-Qualitäten rangieren die Downcountry-Bikes als vielseitige, «aufgebohrte» Versionen mit etwas mehr Federweg nicht weit hinter XC-Topmodellen, wie sie im Worldcup zum Einsatz kommen. Mit einem Unterschied: Die Downcountry-Versionen sind deutlich vielseitiger. Und bergab bieten sie mehr Sicherheit und Fahrspaß. Die Tools dafür: schluckfreudigere Hinterbauten, stabilere, aber dennoch leichte Federgabeln. Doch das Fahrperformance-Upgrade hat nicht nur mit Federwegen zu tun.

Moderne Rahmengeometrien für mehr Fahrspass

Über alle Mountainbike-Klassen hinweg zeichnet sich eine klare Entwicklung ab – hin zu vielseitigen, eher etwas längeren Rahmengeometrien mit tiefem Schwerpunkt, steilem Sitzrohrwinkel und relativ flachem Steuerwinkel. In den einzelnen Bike-Kategorien existieren natürlich noch Unterschiede bei den genannten Geometriedaten, aber sie haben sich deutlich verringert. Sprich: Es scheint so etwas wie einen Konsens für Fahrspass-Geometrie-Konzepte zu geben, der in fast allen Mountainbike-Kategorien (Ausnahmen Downhill, Slopestyle) zu funktionieren scheint. Unterm Strich steht eine bei vielen Bikes beobachtbare hohe Vielseitigkeit. XC-, Downcountry- und Trail-Bikes werden laufruhiger und noch abfahrstauglicher. Ein Musterbeispiel dafür ist das Trailbike Norco Optic. Das Gleiche trifft auch auf Allmountain-Bikes wie das Specialized Stumpjumper EVO Expert und Enduro-Maschinen wie das Orbea Rallon. Gleichzeitig sind viele Bikes spielerischer zu fahren und bergauf leichter zu treten, als es ihre Vorgängermodelle vor ein paar Jahren waren.

Downcountry und Trailbikes im BORN Test:

Innovationsschub bei Fahrwerken

Ein weiterer Regler, um an den Fahreigenschaften der Mountainbikes zu feilen, ist neben der Geometrie die Kinematik. Auch hier steht das Rad nicht still. Bold und Scott zeigen mit ihren im Rahmen integrierten Federungssystemen, dass die Entwicklung von Fullsuspension Bikes noch lange nicht abgeschlossen ist. Bold hat beim neuen Trail-Bike Linkin 135 nicht einfach nur den Dämpfer im Rahmen versteckt, sondern Federungs- und Fahrwerkskonzept komplett neu gedacht und entsprechend umgesetzt. Ergebnis ist eine gleichermaßen aufgeräumte wie effizient arbeitende Fahrwerkskonstruktion. Der tiefe Schwerpunkt und die kurzen Hebel sorgen für ein verwindungssteifes und sehr gut ansprechendes System.

Die Vielseitigkeit der Bikes verbessern die Hersteller auch noch mit einigen anderen Kniffen. Sogenannte Flip-Chips, kleine, variabel positionierbare Frästeile an den Umlenkhebeln, sind der Schlüssel, um Federweg, Ansprechverhalten und Tretlagerhöhe variabel zu gestalten. Die Änderungen kann jeder selbst ganz einfach mit einem Inbusschlüssel vornehmen.

Auf die Spitze treibt Newcomer Scor die Verstellmöglichkeiten. Die junge Schweizer Schwester der Edelmarke BMC erlaubt bei dem Scor 4060 den Einbau unterschiedlicher Laufradgrößen und die Absenkung beziehungsweise Anhebung des Tretlagerns. Damit nicht genug, selbst ein Upgrade des Federwegs (mit langhubigerem Dämpfer und langhubigerer Gabel) von 140 Millimeter Federweg hinten und 160 vorne auf 160 Millimeter am Heck und 170 an der Front ist möglich. Und mit Hilfe eines winkelverstellbaren Steuersatzes lässt sich der Steuerrohrwinkel um 1,5 Grad variieren. 

Immer mehr Hersteller konstruieren zudem die Sitzrohre so, dass sich auch sehr lange Teleskop-Sattelstützen versenken lassen – eine weitere Spielart, um das Bike möglichst variabel zu gestalten. Die Vorteile: Die Rahmen können kompakter und damit wendiger ausfallen, auch große Fahrer müssen nicht zwangsweise zu weniger agilen Monsterrahmen greifen. Außerdem lassen sich so Rahmen mit niedrigerem Schwerpunkt, geringerem Überstand und mehr Beinfreiheit realisieren, wovon auch kleinere FahrerInnen profitieren.
Im Test: 10 Mountainbikes voller Innovationen
Moderne Geometrien und Kinematiken zeigen, dass die Entwicklung von Fullsuspension Mountainbikes noch längst nicht abgeschlossen ist.

Allmountain- und Endurobikes im BORN-Test:

Laufräder: Twenty-Niner regieren

Etwas beruhigt hat sich die Experimentierfreudigkeit bei den Laufradgrössen. Die vor einigen Jahren schon beinahe totgesagten 29-Zöller sind mittlerweile Standard. Der Grund: Die Rahmenbauer haben es mittlerweile raus, auch 29-Zoll-Bikes einen wendigen Charakter einzuhauchen. Und in punkto Überrolleigenschaften und Fahrsicherheit haben die 29-er schon aus rein physikalischer Sicht die Nase vorne. Ein noch recht junger Trend ist das sogenannte Mullet-Design mit 27,5-Zoll-Laufrad am Hinterbau und einem 29-Zöller vorne. Die Idee stammt aus dem Downhill-Sport, wo kleinere Hinterräder verwendet werden, um die Highspeed-Kisten für grobes Gelände agiler zu machen. Einige Hersteller wie Orbea beim Rallon oder Scor mit dem 4060 bieten die Möglichkeit, die Bikes optional auf ein Mullet-Setup umzurüsten. Ob Mullet allerdings bei Bikes mit gemäßigterem, vielseitigem Einsatzbereich tatsächlich ein Performance-Plus bringt, hängt wohl sehr von den individuellen Vorlieben ab. Die Meinungen der BORN-Tester nach den Fahrten mit dem Santa Cruz C Bronson 4 mit Mullet-Aufbau legen einen Wechsel auf Mullet jedenfalls nicht zwingend nahe.
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Im Rahmen integrierte Staufächer sind inzwischen fast schon Standard und erlauben Touren mit wenig Gepäck auf dem Rücken.

Kofferraum im Rahmen

Auch was funktionelle Details und Komponenten betrifft, haben sich die Entwicklungsteams der Hersteller wieder ins Zeug gelegt. Staufächer für Mini-Tool, Schläuche, eine Trinkblase oder eine dünne Windjacke sind bei Trail- und Enduro-Bikes mittlerweile fast schon Standard. Eine Micro-Strömung im Zuge des Trends zu integrierten Systemen.

Fast eine komplette Bordwerkstatt befindet sich im Bold Linkin. Scor liefert das 4060 sogar mit Ersatzschaltauge am Unterrohr. Integriert im Rahmen verlaufen die Züge nun bei fast allen hochwertigen Bikes. Nicht selten verschwinden die Kabel bereits am Steuersatz im Rahmen. Interne Leitungsröhrchen und geschraubte Klemmungen an den Ein- und Ausgängen der Kabel verhindern wirksam ein Klappern. Von Top-Bikes darf man heute durchaus erwarten, dass sie sich im Flüsterton durchs Gelände bewegen.
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Von Top-Bikes darf man heute durchaus erwarten, dass sie sich im Flüsterton durchs Gelände bewegen.

Optik: Wie es Dir gefällt

Individualität und Vielseitigkeit ist auch angesagt, wenn es um die Optik geht. Mit dem MyO-Konfigurator von Orbea lassen sich neben den vorkonfigurierten Designs die Farben von Rahmenteilen und Logo aus einer umfangreichen Farbpalette selbst zusammenstellen – und das sogar ohne Aufpreis. Noch einen Schritt weiter geht Trek. Unter dem Namen Projekt One können BikerInnen ihr bestes Stück (teils gegen Aufpreis) in fast jedem erdenklichen Design lackieren lassen. Einen kreativen Weg hin zu individueller Note geht auch Scor. Die Rahmenschutzfolien bewahren den Carbon-Rahmen nicht nur vor Kratzern. Neben einigen vorgefertigten Designs kann der Käufer Folien nach seinen komplett eigenen Design-Vorstellungen gestalten und ordern. 

Etwas weniger Innovationsfreude herrscht aktuell bei Antrieben, Schaltungen und Bremsen. Elektronische Schaltungen wie die Sram XX1 AXS am Trek Top Fuel funktionieren erstklassig. Und es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, wie lange sich Mountainbiker noch mit ausgeleierten oder klappernden Schaltzügen herumärgern werden. Das digitale Zeitalter hat auch bei Schaltungen längst begonnen. Die Bremsen an den Testmodellen funktionierten im Durchschnitt gut bis sehr gut und boten auf knackigen Abfahrten in der Regel ordentlich Biss.

Luft nach oben ist allerdings immer noch bei Leichtbau-Bremsen. Die Sram G2 Ultimate am Trek Top Fuel mit 160 Millimeter Bremsscheibe hinten und 180 Millimeter-Rotor vorne bot eine Bremsleistung, die Bike-PilotInnen auf steilen, langen Abfahrten schon mal in Verlegenheit bringt.

Upgrade auch bei den Preisen

Kein Trendbarometer, ohne über die Preise zu sprechen. Auch da geht es leider zügig bergauf. Die 10.000-Franken-Schallmauer ist längst gefallen und wird bei zahlreichen Top-Modellen relativ selbstverständlich durchbrochen. Doch auch die Kosten für Bikes unterhalb dieser Schwelle haben kräftig angezogen. Nicht selten gibt es zu dem funktionellen Upgrade der Bikes einen Preisaufschlag von um die 1000 Euro im Vergleich zum Vorjahresmodell. Hohe Frachtkosten, die an die Verbraucher weitergegeben werden, und limitierte Verfügbarkeiten von Komplettbikes und Komponenten sind weniger begeisternde Aspekte der Entwicklung, mit denen sich BikerInnen wohl noch eine Weile abfinden müssen.
Im Test: 10 Mountainbikes voller Innovationen
Im Mittelpunkt des Tests stand weniger der Vergleich der Bike-Modelle als vielmehr eine möglichst treffende individuelle Analyse der Fahreigenschaften jedes Bikes.

So haben wir getestet

Unser fünfköpfiges Testteam bestand aus unterschiedlichen Fahrertypen (ein Bike-Guide, Enduro- und Tourenfahrer). Um den Charakter jedes Bikes möglichst detailliert herauszuarbeiten, testeten wir die Bikes auf vielseitigen Trails rund um Schlanders im Vinschgau. Auf dem Programm standen flowige Passagen und knackige Uphill-Sektionen ebenso wie ruppige Downhills, auf denen die Fahrwerke Farbe bekennen mussten. Dabei wechselte Fels- und Waldboden, auch Wurzel-Trails waren Teil der Teststrecken. Vor jeder Testfahrt wurden die Fahrwerke individuell auf jeden Fahrer abgestimmt. Jeder Tester hielt seine Eindrücke in einem Testbogen schriftlich fest, ohne mit anderen Testern darüber zu sprechen. Nach Testende wurden die Ergebnisse in der Runde der Tester diskutiert und analysiert. 

Basislager für den BORN Bike-Test war das Sport Hotel Vetzan in Vetzan bei Schlanders, www.sporthotel-vetzan.com

Unterstützt wurde der Test von den Bikehotels Südtirol, www.bikehotels.it

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