Mike Promberger hatte den Nieselregen ohnehin mit Fassung getragen. Der drahtige Südtiroler kennt seine Berge. Schliesslich ist er quasi 365 Tage im Jahr an den Hängen rund um seinen Heimatort St. Vigil unterwegs. Im Winter als Skilehrer und Race-Trainer, im Sommer als Guide und Fahrtechnik-Instruktor in der Bikeschule vor Ort. «Wir schnappen uns die E-Bikes», gibt Mike die Parole für den fortgeschrittenen Nachmittag aus. «Wenn die Trails am Kronplatz über Nacht abtrocknen, haben wir morgen umso mehr Spass!» Dass wir uns ranhalten müssen, damit aus der «schnellen Runde über den Gipfel» kein Nightride wird, ist klar. Mit vollen Akkus rollen wir vom Hof des Bikehotels – und steigen direkt in den Shuttlebus.
Als einziger Talort rund um die Skischaukel des Kronplatz hat St. Vigil im Sommer keine direkte Seilbahnanbindung zum Bikepark. Zum Ausgleich verkehrt stündlich ein Shuttlebus, der die Rider gratis zum Furkelpass chauffiert. Der erspart immerhin knapp 600 Höhenmeter Anstieg, was uns nur recht ist. Schliesslich sind wir auch mit E-Mountainbikes an einer positiven Tiefenmeterbilanz interessiert. Doch vor dem Run wartet der Anstieg. Und der hat es in sich.
Auf den Spuren des Giro
Kapriolen statt Panorama
Mike drängt jedoch zum Aufbruch – wenig später wird klar, warum. Der Trail verdient auch im trockenen Zustand das Prädikat «diffizil». Spitzkehren, Felsblöcke und Drops in steilem Gelände bringen den Körper schnell auf Betriebstemperatur. Immerhin ist nur der erste Abschnitt gesalzen. Weiter vorne mündet der Trail in den «Panoramaweg». Dort hat schliesslich auch das Wetter ein Einsehen. Der Trail führt, meist flowig, mal technisch, über einen bewaldeten Gratrücken nach unten und gibt immer wieder Blicke auf den in der Abendsonne leuchtenden Heiligkreuzkofel frei. Was uns, am Ende eines langen Tages, mit dem unchristlich frühen Aufstehen versöhnt.
Classic statt Freeride
Ziel der Übung ist eine Umrundung des Heiligkreuzkofel. An diesem glatten Gemäuer wurde Alpingeschichte geschrieben. 1968 gelang hier den Brüdern Reinhold und Günther Messner die Erstbegehung des Mittelpfeilers. «An der Schlüsselstelle der Tour hätte man Bohrhaken gebraucht – Reinhold Messner war ein erklärter Feind davon», erzählt Mike. «Deshalb hat er die Stelle ohne Hakenhilfe geklettert. Heute wird die Tour mit dem achten Grad bewertet!» Damit gelang Messner der Vorstoss in undenkbare Dimensionen. Ausgerüstet mit den damals üblichen steigeisenfesten Bergschuhen, und neun Jahre vor der offiziell ersten Klettertour im siebten Grad! Unsere Ambitionen sind weniger heldenhaft. Nach kurzer Diskussion entscheiden wir uns für den batterieschonenden Anstieg per Gondel und Sessellift, und rollen so noch frisch am Hospiz ein. Dort ist der eingesparte Saft gut investiert. Auf dem Rückweg warten technische Singletrail-Uphills, aber auch zwei lange und genussreiche Abfahrten mit viel Flow – der perfekte Abschluss des Tages!
Natürlich gewachsen
Da laden dann Rides wie der Furcia Trail mit riesigen Anliegern und Kompressionen zum Spiel mit den Beschleunigungskräften ein. Da lockt mit dem Dragon Trail einsteigerfreundliches Gelände, um direkt in den Gassl Trail nach Olang überzugehen. Letzterer brennt auf über sechs Kilometern Länge und mit knapp 900 Tiefenmetern ein wahres Anlieger-Feuerwerk ab. Ein klares Must-do – zumindest für Bikern mit fortgeschrittenen Skills – ist aber der Herrnsteig, der erste und zugleich längste Freeride-Trail am Kronplatz. Dieser bestand ursprünglich aus einem Geflecht von Wanderwegen, die man mit neu gebauten Abschnitten verknüpfte und dann für Freerider öffnete. Heraus kam ein Singletrail der alten Schule. Dort wechseln respekteinflössende Steilstücke und verblockte Passagen mit Abschnitten, die nach früheren Massstäben als flowig galten. Mit dem, was man gemeinhin unter dem Begriff Flowtrail versteht, hat der Herrnsteig bis heute wenig gemein. Trotzdem, oder gerade deswegen, setzt der Herrnsteig in diesem Teil der Alpen einen Benchmark. Ihn zu fahren ist immer wieder ein Genuss. Die Gelegenheit dazu wird sicher nicht lange auf sich warten lassen. Der nächste Nordstau kommt bestimmt.
Tourenvorschläge
Schwierigkeit: Kondition 3/5, Fahrtechnik 4/5
Der Anstieg zum Kronplatz lässt sich per Seilbahn umgehen. Die Trailabfahrt ist auf dem ersten Kilometer technisch anspruchsvoll (S3), diese Passage lässt sich aber umfahren. Der eigentliche Panoramaweg ist sehr flowig und in mittlerer Schwierigkeit (S1–2).
Heiligkreuzkofel Loop
Schwierigkeit: Kondition: 4/5, Fahrtechnik: 3/5
Die Umrundung des Heiligkreuzkofel ist über weite Strecken fahrtechnisch einfach. Die Abfahrt vom Col de Locia ist eine «Schiebepassage» (on the bike: S3), die Trails hinter dem Hospiz bewegen sich auf S1–S2-Niveau.
Hier gibt's die GPS-Tracks zu diesen beiden Touren
Freeride Kronplatz
Alle Trails des Kronplatz an einem Tag fahren zu wollen, dürfte selbst für Pros zu viel des Guten sein. Je nach Quartier und Fahrkönnen lassen sich diverse Bikepark-Loops planen. Eine Übersicht der Trails findet sich auf: freeride-kronplatz.com
Weitere Touren in der Region:signature-trails.com/san-vigilio
Allgemeine Infos St. Vigil
Der Kronplatz liegt direkt bei Bruneck, am Eingang des Südtiroler Pustertals. Wer seinen Radius auf den Bikepark beschränkt, sollte in Olang oder Reischach Quartier beziehen. Wer zusätzlich gerne «klassische» Streckentouren unternehmen möchte, ist in St. Vigil besser aufgehoben. Bruneck lässt sich über die Brennerautobahn schnell ansteuern, und ist auch gut mit dem Zug erreichbar. Die Weiterfahrt nach St. Vigil ist mit dem Bus Linie 460 möglich. bruneck.com
Saison
Die ersten Aufstiegsanlagen am Kronplatz starten Anfang Juni in den Sommerbetrieb. Ab Ende Juni/Anfang Juli sind dann alle Lifte in Betrieb. Je nach Schneelage im Winter lassen sich vor Ort gut ab Anfang Mai Streckentouren fahren. Im Normalfall ist bis Ende Oktober, oft sogar länger, mit angenehmen Bike-Temperaturen zu rechnen.
Übernachten
Vor Ort haben sich diverse Unterkünfte auf Mountainbiker spezialisiert, und bieten ein Rundum-Angebot von Wäscheservice, Bikewash und -Keller bis hin zu Tourinfos und Guiding. Empfehlenswert:
- Alpinhotel Keil**** in Olang, alpinhotel.it
- Sporthotel Exclusive**** in St. Vigil, sporthotel-exclusive.com
- Excelsior Dolomites Life Resort ****s, myexcelsior.com
Weitere Bikehotels in der Region: bike-holidays.com
Guiding
Die «Bike School San Vigilio di Marebbe» bietet in der Sommersaison ein umfassendes Wochenprogramm aus geführten Touren, Fahrtechniktrainings und Shuttleservices. Gäste der Partnerhotels profitieren von Sonderkonditionen. mtb-sanvigilio.it
Events
2. September 2023 – Kronplatz King
Der inzwischen legendäre Mountainbike Marathon mit 800 Teilnehmern wird auf drei Strecken ausgetragen. Mit dabei sind: 8 Kilometer Freeride-Abfahrten, 9 Kilometer Singletrails und eine Bergankunft am Kronplatz.
kronplatzevents.com
Allgemeine Infos
Tourismusbüro St. Vigil: sanvigilio.com
Tourismusbüro Bruneck: bruneck.com
Infos Kronplatz: kronplatz.com
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