Crappa, Prada, God
Der Tag hat früh begonnen. Im zollfreien Dorf Samnaun bleibt keine Chance auf eine steuerfreie Shoppingtour in alpinem Ambiente. Wir rollen auf unseren Bikes vorbei an Juwelieren, Duty-Free-Shops und Designer-Outlets in Richtung Bergbahn. «Die erste Bahn wäre wichtig. Es wird ein langer Tag», hatte uns Xaver am Vorabend ermahnt. Mit der zweistöckigen Gondel schweben wir in Richtung des Skigebiets Ischgl-Samnaun. Im Winter tummeln sich hier täglich Tausende Skifahrer, an diesem wolkenlosen Morgen im Frühherbst sind wir fast allein. Nach einer kurzen Flowtrail-Einlage bis zur Alp Trida und einer weiteren Liftfahrt entlässt uns die Sesselbahn am Flimssattel. Auf der gegenüberliegenden Seite wartet der Einstieg in den Velill Downhill, eine der gebauten Strecken in Richtung Ischgl, von wo ebenfalls die ersten Biker aus dem Lift steigen. «Ein schneller Run müsste doch drin sein?» Mirjam und ich sind motiviert. Xaver schaut kritisch auf die Uhr und schüttelt den Kopf. Gebaute Trails bleiben uns heute wohl verwehrt. Egal, ohne Wehmut kurbeln wir am Kamm entlang in Richtung Greitspitze. Der Blick in Richtung Westen verspricht grosses alpines Panorama, aber auch die ein oder andere Schinderei. Schon auf den ersten Metern kommen die Oberschenkel auf Betriebstemperatur. Denn der Grenzkamm zwischen Samnaun und Ischgl ist zwar für den Skitourismus bestens ausgebaut, dennoch sind die Rampen richtig steil. «Kaum zu glauben, aber die Typen beim Ironbike drücken das einfach noch hoch.» Wir schütteln den Kopf. Und schieben.
Schon lange vor Christi Geburt waren die Übergänge vom Paznaun ins Engadin die Lebensader der Region.
Auf den Spuren der Schmuggler
Der Anstieg vom Zeblasjoch zur Fuorcla Val Gronda gestaltet sich als erste kleine Bewährungsprobe. Der Weg durch die Schotterreisse ist teils verblockt, die letzten 200 Höhenmeter zum Pass schultern wir die Bikes. Oben erwartet uns eine weitläufige alpine Mondlandschaft, die im Osten durch den markant-schroffen Gipfel des Piz Fenga (3398 m) begrenzt wird. «Crappa» – Steine, und sonst nichts. Bis auf eine wandernde Familie sind wir allein.
Drei Täler, ein Plan
Unser Masterplan beschränkt sich zumindest an diesem Tag auf «Crappa» und «Prada» – als nächster Punkt unserer Agenda wartet die Abfahrt ins Val Fenga zur Heidelberger Hütte. Sie lässt uns fast vergessen, dass nach der Mittagspause noch einmal 300 Höhenmeter Stossen und Tragen hoch zum Fimberpass warten. Die Hütte selbst liegt an einer der klassischen Transalp-Routen und ist daher beliebtes Etappenziel für Heerscharen von Alpencrossern. Kurioses Detail: Sie ist die einzige Hütte des Deutschen Alpenvereins auf Schweizer Staatsgebiet.
Zum Glück ist die Transalp-Saison schon vorbei. Sonst müssten wir uns wohl in eine lange Schlange hoch zum Pass einreihen. Bis auf einen rüstigen Senior, der auf den letzten steilen Metern wacker sein E-MTB schultert, sind wir allein. «Bun di», grüsst er freundlich. Er sei aus Ramosch am Ende der Abfahrt und mache die Runde öfter, erklärt er gut gelaunt am Fimberpass – und freut sich offensichtlich, mit Xaver auf romanisch plaudern zu können.
Die anschliessende Abfahrt im oberen Bereich der beliebten Alpencross-Route hat es in sich. Felsig, teils ausgesetzt über dem Bergbach Brancla geht es hinab in das tief eingeschnittene Val Sinestra. Die «Crappa» bescheren einige fahrtechnische Raffinessen. Bis wir in den Wald eintauchen, der uns auf spassigen Wurzeltrails zum Hof Zuort führt. Der Weiler war seit dem Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert Zollstation für den Warentransit über den Fimberpass. Heute ist der historische Hof mit seinen für das Engadin typischen «Sgraffiti» an der Fassade ein Berggasthaus. «Jetzt ein Stück Kuchen und einen Kaffee!» Mirjam formuliert unsere Wünsche nach einer kurzen Rast auf der Sonnenterrasse.
Es ist noch dunkel, als uns das Smartphone weckt. Der zweite Tag beginnt wieder früh, und leider ohne ausgedehntes Frühstück. Zum Glück finden wir in einer Bäckerei einen Becher Kaffee und eine Engadiner Nusstorte auf die Hand. Diese Kombination bewirkt wahre Wunder. Nur auf Xaver müssen wir verzichten, er ist als Guide mit Gästen unterwegs. Das erste Zwischenziel ist S-charl, ein auf 1800 Metern gelegener Weiler im gleichnamigen Hochtal auf der Südseite des Inns. Über die Schotterstrasse entlang der Grenze des Nationalparks ist das Dörfchen von Scuol aus in gut eineinhalb Stunden mit dem Bike zu erreichen. Mit dem Postauto sind wir eine Stunde schneller. Ab S-charl ist die Schonzeit vorbei. Doch der Start verläuft entspannt, der Fahrweg steigt flach an. Zu unserer Rechten blubbert der Bach und der Morgentau lässt die Alpwiesen in der Sonne glitzern. Zwei Pferde grasen in der Morgensonne. Im Schatten des Piz Sesvenna treten wir in Richtung Pass da Costainas. Weiter oben öffnet sich das Tal zur breiten Alp Astras. Auf der Ostseite des Tals steht hier bis auf knapp 2300 Meter der höchst gelegene Arvenwald Europas, der God Tamangur. Auf der Alp Astras geniessen wir die Ruhe und die Aussicht auf das imposante Hochtal – und einen Cappuccino mit frischer Milch aus dem Stall.
Hammer Trails im Wald
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