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Rhythmus der Trails - Riding High in Bellwald

Text: Xaver Frieser
20.06.2024
Bellwald im Wallis schaut auf eine lange Bikehistorie zurück. Mit der Eröffnung neuer Trails hat sich aber nochmals eine ganz neue MTB-Dynamik um den Ort gebildet. Am RIDING HIGH Event vom 29. und 30. Juni eröffnet ein weiterer Trailabschnitt. Zeit für auf ein Wort mit den Creators of Trails.
Rhythmus der Trails - Riding High in Bellwald
BORN: Bellwald schaut bereits auf eine längere Trailhistorie zurück. Mit der Eröffnung der Trails «Forest Bump», «Into the Wild», «Vast & Furious», «Lord of the Rims» und «Sliderman» hat sich aber nochmals eine ganz neue MTB-Dynamik um das Walliser Bergdörfchen gebildet. Warum? 

Philipp Bont:  Unser Ziel war «make bellwald great again», also das Dorf dort zu positionieren wo es anfänglich mal war. Bellwald konnte quasi als Pionier in der Schweiz in diese Sportart einstiegen, hatte einen guten Ruf, einen beliebten Downhill-Track, aber irgendwann konnte der Drive aus verschiedenen Gründen nicht mehr aufrecht erhalten werden. Wie so oft sind es nicht immer die Pioniere, die am Schluss erfolgreich sind. Dem wollten wir mit dem Projekt entgegenhalten. 

Severin Schindler: Wir haben aber immer an das grosse Potenzial dieses Ortes geglaubt und konnten diesmal mit genug Erfahrung die Weichen richtig stellen, damit der Erfolg langfristig beibehalten werden kann. Obwohl beim Weichen stellen viel Geduld und Zeit gefragt war, scheint sich dies nun auszuzahlen. Die Zeit ist reif, den Bike Park Bellwald auf das nächste Level zu heben. 

VAST, es scheint als treffen die Trails in Bellwald den Nerv der Zeit. Wieso? 

Philipp Bont: Was ich viel höre ist, dass alle die hierherkommen etwas finden was ihnen taugt. Ist es doch viel so, dass auch unter Bike Freunden ein ziemlich heterogenes Skill Level vorhanden ist, aber man trotzdem Zeit zusammen verbringen möchte. Wir treffen mit unseren Trails wohl einfach auch die soziale Komponente. Das mag zwar nicht komplett einzigartig sein, aber halt doch das, was es ausmacht. 

Severin Schindler: Aus der Design-Perspektive gefällt mir vor allem die Diversität der Trails. Wir haben bewusst versucht, sich unterscheidende Genres zu bauen, indem wir bezüglich Charakter, Erlebnis und technischen Anforderungen jedem Trail eine eigene Note verleihen. Trotz allem ist kein Trail weder langweilig noch ultra psycho. Ich glaube, genau diese breitensportliche Zugänglichkeit wird von den Gästen sehr geschätzt. 
Rhythmus der Trails - Riding High in Bellwald
Wieso gelingt es in Bellwald so gut mit den Möglichkeiten des Geländes zu spielen? Bisher war die Meinung, dass Trailbau auch immer ein Kompromiss ist?!

Philipp Bont: Wir haben hier zum Glück ein gutes Zusammenspiel von verschiedenen Stakeholdern, wie Kommunalbehörden, Grundeigentümern, Sportbahnen inkl. Winterbetrieb und Bergbauern. In Bellwald besteht der Bike Park seit 2005 und irgendwann kam hier einfach die Erkenntnis, dass man es nun entweder richtig macht oder es ganz sein lässt. Bellwald hat sich für die erste Variante entschieden. Dieser gesellschaftliche und politische Rückhalt ist für die Lösungsfindung entscheidend. 
 
Severin Schindler: Auch in Bellwald mussten wir verschiedene Kompromisse machen, aber schön, dass dies nicht wirklich wahrgenommen wird. In all den Jahren haben wir aber schon auch gelernt, wie eine vermeintlich nachteilige Situation zu einem Vorteil umgemünzt werden kann. Als Beispiel möchte ich das Kurveneldorado in der Liftschneise des 6er-Sesselbahn nennen. Waldrechtlich waren wir gezwungen, die Linienführung in diesen Korridor reinzupacken, da dieser kein Wald ist. Wir würden einen Trail nie so planen, aber wir haben es geschafft, dass jede dieser 19 nacheinander folgenden Kurven und die dazwischen liegenden Geraden anders sind und somit ein spannender Fahrfluss entsteht! Andererseits ist aber auch wichtig hinzustehen, wenn es darum geht, nicht an den falschen Orten Kompromisse zu machen. Daher ist es aus unserer Sicht auch eminent wichtig, dass Planung und Umsetzung aus einer Hand kommen, damit beim Bau nicht planerische Stolpersteine ausgebügelt werden müssen.  
Rhythmus der Trails - Riding High in Bellwald
Scheinbar gelingt in Bellwald auch der Spagat, dass ein Trail gleich mehreren Zielgruppen dienlich ist. Weshalb?

Severin Schindler:  Hier spielen uns einerseits sicher die idealen Rahmenbedingungen in die Hände: Ein guter Boden, meist nicht zu steiles Gelände und nicht zu viel andere konkurrenzierende touristische Infrastruktur am Berg. Andererseits versuchen wir die Trails so anzulegen, dass sie gut lesbar sind und nicht mit bösen Überraschungen aufwarten. Aus unserer Sicht dürfen Trails - unabhängig vom Charakter und dem explizit gerateten Schwierigkeitsgrad – einen progressiven Spielraum bieten, in dem sich die Nutzenden mit jeder weiteren Fahrt verbessern können. Zum Beispiel ist beim Forest Bump die Hauptlinie durchgängig einfach (blau) und rollbar, aber mit Speed und Linienwahl kann so variiert werden, dass Könner auf dem Trail genau so grossen Spass haben wie Anfänger.   

Woher saugen sich Trailbauer ihre Visionen an und wer dient euch als Vorbild? 

Philipp Bont:  Wenn du dich mehr als 15 Jahre mit diesem Thema beschäftigst, bist du irgendwann soweit, dass du das Gelände lesen lernst. Du läufst irgendwo durch und siehst die ganzen Elemente schon unmittelbar vor dir. 
Aber klar muss man sich viele Dinge auch zuerst einfach mal bei anderen angucken. Trips in all die grossen Bike Destinationen sind mit Sicherheit ein Augenöffner und inspirierend. Ich persönlich habe kein konkretes Vorbild, aber sehe bei der Arbeit von vielen Trail Buildern Komponenten, die mich beeindrucken.  
 
Severin Schindler:  Bezüglich Trails ist in den letzten Jahren sehr viel gegangen. Insbesondere der fahrtechnischen und der industriellen Weiterentwicklung muss das Trail Design immer wieder von neuem gerecht werden. Es ist selten der Fall, dass neue Trails neue Riding Styles zur Folge haben und genau da liegt aus unserer Sicht die Challenge: Die Kombination und die Variation von Formen, Steinen, Felsen, Wurzeln, Radien können neuartige Fahrerlebnisse kreieren. Aus meiner Sicht ist die Progression in der Trail-Industrie aktuell wesentlich steiler als in der Mountainbike-Industrie selbst. Waren früher bezüglich MTB-Infrastruktur insbesondere die englischsprachigen Länder tonangebend, holen zum Beispiel Länder in Osteuropa mächtig auf. Beispielsweise die Trails im tschechischen Rychlebske Stezky oder im slowakischen Bike Park Kalnica haben mich Punkto Originalität und Kreativität sehr beeindruckt. Mit unserem Team machen wir 1x pro Jahr eine Tour d’Horizon, wo wir Trails und Destinationen, die wir interessant finden, selber auf Herz und Nieren testen und gemeinsam reflektieren. Nebst einer tollen gemeinsamen Zeit im Team fördert diese Woche auch unser gemeinsames Design- und Formenverständnis.   

Rhythmus der Trails - Riding High in Bellwald
Schon mal was gebaut, was nicht funktioniert hat und neu gedacht/gebaut werden musste?

Philipp Bont: Gerade bei komplexeren Formen ist es ehrlich gesagt eher der Normalfall als die Ausnahme. Ich sage immer, du musst zwar ein Element beim ersten Versuch schon zu 80% perfekt hinbekommen, ansonsten kommst du nie auf einen grünen Zweig und fängst immer wieder bei null an. Aber meistens  braucht es schon noch 1-2 kleine Korrekturrunden und ausgiebige Testerei, bis es dann wirklich passt. Mit zunehmender Erfahrung weiss man immer mehr, was funktioniert und was nicht.

Zusammenspiel Natur-Gelände-Optionen-KnowHow: Was sind weitere wichtige Faktoren für ein gutes Resultat?

Severin Schindler: Aus unserer Sicht basieren erfolgreiche und funktionale Mountainbike–Trails einfach gesagt auf drei Säulen: Erstens die Rahmenbedingungen wie z.B. ist der Grundeigentümer einverstanden oder taugen Boden und Gelände? Zweitens das Trail Design, wo insbesondere die Planungs- und Baukompetenz oder die Sicherstellung von Unterhalt und Betreib reinspielen und drittens die Mountainbiker:innen selbst. Die grosse Kunst ist es, ihre Bedürfnisse zu kennen, diese in das Trail Design zu übersetzen und im besten Fall mit deiner eigenen Kreativität auch weiterentwickeln zu können. Diesen drei Kompetenten müssen in einer ausgewogenen Beziehung zueinander stehen, damit Trails langfristig und erfolgreich funktionieren. 

Auch die politischen Gremien Bellwalds ziehen am gleichen Strang. Braucht es MTB affine Entscheidungsträger, für ein Klappen?

Philipp Bont: Aus unserer Sicht ist es der Sache extrem dienend, wenn Personen in Entscheidungspositionen selber Mountainbike fahren und die Sportart und den Markt verstehen. Es ist aber kein Entweder-oder-Kriterium. Es hilft nur schon, wenn der Wille und das Vertrauen da ist, dass Mountainbike-Tourismus für die Destination und die Gemeinde der richtige Weg ist.  
Rhythmus der Trails - Riding High in Bellwald
Rhythmus der Trails - Riding High in Bellwald
Auch 2024 steht die Eröffnung eines neuen Trailabschnitts bevor. Auf was darf man sich freuen und definiert der weitere Abschnitt wieder neue Standards?

Philipp Bont: Genau wir freuen uns sehr, mit dem Lord of the Rims einen neuen Enduro Trail zu eröffnen. Vielfach ist es ja so, dass Enduro Trails eher entstehen resp. sich entwickeln müssen, anstatt dass sie gebaut werden. Der Trail liegt auf der subalpinen Höhenstufe, führt durch unwegsames steiniges und felsiges Gelände und ist nicht durch Wald geschützt. Für uns war das eine besondere Challenge mit diesen Gegebenheiten einen Enduro-Trail zu bauen, der mit Bike Park-Frequenzen und diesen Rahmenbedingungen zurecht kommt. Gemeinsam mit dem Into the Wild bildet er die King’s Stage am EDR Aletsch Arena-Bellwald 2024. Wir sind gespannt, wie der Trail bei den World Cup Racern ankommt!  

Verändert Bellwald die Art des Trailbaus? Falls ja, inwiefern?

Philipp Bont: Ich glaube nicht, dass wir hier eine Trail-Revolution haben, eher eine Trail-Evolution. Trail Design Know How ist seit langem da und auch entsprechend in der Literatur dokumentiert. 
 
Severin Schindler: Was wir machen, ist, diese Basics durch unseren Stil erfahrungsbasiert weiterzuentwickeln und neu zu interpretieren. Jeder Trail hat seinen eigenen Rhythmus. Diesen immer neu zu komponieren, macht uns unglaublich grossen Spass und motiviert uns tagtäglich, auf den Berg zu gehen oder im Büro die Grundlagen dafür zu schaffen. 

Fotocredits:
Simon Ricklin, Christopher Laue, Thomas Stöckli

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