auf spurensuche
Vor der Haustür? Im Himalaya? Oder ist er gar ein Mythos? Zur Klärung der Fragen haben
wir uns ans Hinterrad von Bikeabenteurer Harald Philipp geheftet.
Michelangelos des Wegebaus unterwegs.»
In Short
der, auf dem ich gerade stehe
Lieblingstrail
immer der nächste
Wenn nicht auf dem Bike, dann …
auf Skitour
Liebster Energielieferant
die Schwerkraft
Lebensmotto
alles fahrbar
Schönstes Outdoor-Erlebnis
immer das letzte
Sehnsuchtsort
die Seealpen
Reisen bedeutet für mich...
leben
Alter
35
Wohnort
Innsbruck
(eigentlicher) Beruf
Geschichtenerzähler
Biker seit
1997
Spurensuche in den Südalpen
Und zum Biken. Eines dieser alten Steinhäuschen hat Harald vor ein paar Jahren gekauft. Neben seiner Wahlheimat Innsbruck hat sich der gebürtige Deutsche hier ein entrücktes Sommerdomizil geschaffen. Der Übergang zwischen seinem Grundstück und der Wildnis ist fliessend. Hinter einer kleinen Kuppe tun sich weite Hänge auf. Lichte Wälder, Bergwiesen, durchzogen von klippenartigen Felsriegeln. Mittendrin mäandern einladende Trails.
Jedenfalls haben sie für mich eine besondere Bedeutung. Alles eigene Handarbeit. Hier kann ich ohne grosse Diskussionen meine Trails schaufeln, Kreativität ausleben und Ideen verwirklichen. Das mag egoistisch klingen, aber ich erfreue damit sogar die wenigen Einheimischen, die noch in den umliegenden Bergdörfern wohnen. Die haben richtig Spass daran, wenn ich Wege freilege, die schon halb vergessen sind. Bis in die 50er-Jahre haben die Bauern hier als Selbstversorger gelebt. Das dort unten war einst ein bedeutender Handelsweg von Ligurien ins Piemont.
Klingt ja fast nach einem Kulturprojekt?
Du verlässt mit dem Mountainbike nie ganz die Sphären menschlicher Zivilisation und Kultur. Schliesslich bewegen wir uns auf Wegen. Du kommst immer wieder mit Menschen in Kontakt, die entlang dieser Wege wohnen, arbeiten und auf ihnen unterwegs sind. Wege sind nicht nur ein Angebot touristischer Infrastruktur, nicht nur Bühne eines sportlichen Action-Programms. Bisweilen denke ich, da waren die Michel-angelos des Wegebaus unterwegs. Die haben Pfade gebaut, die Jahrhunderte überdauern. Kultur, das ist viel mehr als nur historische Kirchen und Museen.
Der Trail als Brücke zwischen Natur und Kultur?
Genau! Dort, wo die Natur der Kultur Hindernisse entgegenstellt, entstehen die spannendsten Wege. Die Wege in den Seealpen, die für Esel angelegt wurden, die genauso sperrig sind wie ein Bike, machen mehr Spass als die steilen Jägersteige in den Nordalpen. Kein Wunder, Esel sind genauso schnell gelangweilt wie ein Biker.
Immer wieder gibt es Vorwürfe, Biker würden Wege zerstören.
Das mag in dem einen oder anderen Fall zutreffen. Ich sehe es differenzierter. Der Weg ist ja ohnehin schon eine hinterlassene Spur, etwas Menschliches. Wenn man lernt, Wege zu schätzen, wird man sie auch nicht zerstören. Viele Wege offenbaren kleine Geschichtslektionen, die du so ganz nebenbei auf dem Trail mitbekommst.
Meine Limits zu pushen, ging anfangs leicht von der Hand, aber ab einem gewissen Punkt hat es sich nicht mehr gut angefühlt. Die schönsten Momente waren die, in denen das «Schneller, Höher, Weiter ...» nicht die wichtigste Rolle gespielt hat. Gleichzeitig stellte ich mir die Frage, wo führen Projekte am Limit hin?
Wohin denn?
Ich habe meine eigenen Videos angesehen und mich ernsthaft gefragt: Willst du das eines Tages noch zwei Nummern krasser machen? Und wofür? Mir war klar: Ich würde mich konsequenterweise in Situationen bringen, die mich eines Tages das Leben kosten würden. Ich möchte nicht ausschliessen, dass ich auch in Zukunft noch verrückte Sachen auf dem Bike machen werde. Aber es ist nicht mehr mein Anspruch, mein Ziel.
Frust und Lust im Himalaya
den Begegnungen mit Menschen statt.»
Im Grunde war meine Motivation die gleiche wie die von Bergsteigern. Ich hatte in den Alpen viele entlegene Trails erkundet, die teils noch kein Biker unter die Räder genommen hatte. Jetzt suchte ich neue Herausforderungen. «Wenn schon Himalaya, dann richtig!», lautete meine Devise. Zusammen mit zwei einheimischen Guides und fünf Trägern wollten Tom und ich von Gosainkund im nepalesischen Langtang Nationalpark nach Kathmandu biken.
War das vergleichbar mit einem harten Alpencross?
Hinauf zum Laurebina Pass auf 4650 Meter mussten wir die Räder meist tragen. Danach geht es nur noch abwärts – dachte ich. Doch weit gefehlt! Die Tour glich einer zehntägigen Alpenüberquerung, bei der es genauso viel rauf wie runter geht – und fast alles nur über üble Steinstufen, grösstenteils unfahrbar. Der vermeintliche Traumtrip wurde zum Alptraum. Erst die letzten 400 Höhenmeter hinab nach Kathmandu waren flowig zu fahren. Ein schwacher Trost. Entsprechend desillusioniert stieg ich in den Flieger nach Hause.
Was war schiefgelaufen bei diesem Abenteuer?
Ich wollte biken, wo noch keiner zuvor war. Ich wollte das pure, wilde Nepal erleben. Im Grunde habe ich genau das bekommen. Doch meine Erwartungen waren die falschen. Ich hatte von majestätischen Bergriesen geträumt, von lachenden Kindern, Gebetsfahnen und flowigen Trails in klarer Höhenluft. Doch die Realität in der Region und zu dieser Jahreszeit war eine andere. All die ernüchternden Erfahrungen waren die Quittung für die Arroganz, mit der ich an mein Projekt Nepal herangegangen war. Ich dachte, ich könnte alles so machen wie zu Hause in den Alpen, alles wäre so wie dort, nur noch grösser, noch schöner. Erst hinterher begriff ich: Wir lassen uns durch die Bilder aus dem Internet zu oft verführen. Sie zeigen alles perfekt. Wir wollen es dann genau so erleben. Wäre ich ohne diese Bilder im Kopf losgezogen, hätte ich vielleicht alles ganz anders empfunden. Es ist viel schwieriger, Erfahrungen als interessant und bereichernd zu realisieren, wenn dahinter überhöhte oder falsche Erwartungen stehen.
Ein erster Akklimatisierungstrip führte mich mit meinem Freund und Bike-Kumpel Martin Falkner in die Annapurna-Region. Und prompt wurden meine Traumbilder vom Himalaya Realität: staubige Trails in karger, baumloser Berglandschaft, im Hintergrund gigantische weisse Berge, im Tal einladende Dörfer, herzliche Menschen, grüne Reisterrassen und Klöster.
Was hast du daraus gelernt?
Es geht darum, offen zu sein, die Dinge auf sich zukommen zu lassen. Natürlich wirken grossartige Landschaften, ein perfekter Trail, ein idyllisches Dorf anziehend. Doch oft ist es gerade der Bruch mit diesen Idealen, der dann das Abenteuer ausmacht.
Wann hast du das realisiert?
Noch auf dieser Reise. Der zweite Teil der Reise führte uns in die Dolpo-Region. Die Siedlungen dort reichen bis auf 4300 Meter und zählen zu den höchstgelegenen, permanent bewohnten Gebieten der Welt. Von dort führen nur noch Eselspfade und Wanderwege weiter hinein in die Berge. Tagelang stiegen wir ein Tal hinauf – und hatten dennoch nie das Gefühl, wirklich oben anzukommen. Bisweilen kam ich mir vor wie ein alpiner Sisyphos. Doch diesmal verlor ich nicht den Mut. Denn ich hatte begriffen, dass die wahren Abenteuer solcher Reisen anderswo stattfinden: in den Begegnungen mit Menschen. Mit dem alten Mann, neben den ich mich setze und wortlos in sein wettergegerbtes Gesicht lächle, bis wir beide schmunzeln und das Gefühl haben, uns schon ewig zu kennen. Mit den johlenden Kindern, die uns kilometerweit hinterherlaufen, um sich schliesslich auf unsere Bikes zu schwingen. Und, und, und ...
War das für dich ein neuer Massstab, Mountainbiken zu messen und Abenteuer zu beurteilen?
Ganz genau! Wenn ich die Touren nur an Höhenmetern, Trail-Kilometern und meinem Adrenalinspiegel messen würde, könnte ich auch in den Alpen bleiben. Doch Dolpo war eine der beeindruckendsten Reisen meines Lebens. Dort ging es um mehr – um Erfahrungen fürs Leben.
Ligurische Alpen - zurück in die Zukunft
Wie ist das nun mit dem Holy Trail? Wo hast du ihn gefunden?
Für mich hat der Holy Trail nur bedingt mit der physischen Beschaffenheit und Existenz eines Pfades zu tun. Eine Erstbefahrung im Himalaya mag eine tolle Sache sein. Aber sie ist nichts, worauf man stolz sein müsste. Es geht doch in erster Linie um die persönliche Erfahrung. Genauso ist das auch mit anderen Wegen. Was dein ureigener Holy Trail ist, bestimmst du ganz alleine.
Was macht solche Entdeckungen aus?
Die Welt an sich ist entdeckt. Dennoch ist es unverändert wichtig, persönliche Entdeckungen zu machen. Externe Veränderungen bewirken immer auch neue Erfahrungen. Solch innere Reisen sind immer möglich und werden immer eine Bereicherung darstellen.
Der Holy Trail und das grosse Abenteuer sind also eine ganz individuelle Sache?
Klar, ich muss nicht für jedes Abenteuer um die Welt fliegen. Ich habe erkannt, dass das «Höher, Schneller, Weiter ...» nicht mein Ziel ist. Auch wird es künftig nicht mein Ziel sein, immer noch exotischere und abenteuerlichere Orte zum Biken aufzustöbern. Ich will mehr in die Tiefe gehen, in Details eintauchen. Mein Motto: «Sei einfach neugierig, egal, ob auf dem Bike oder sonst im Leben!» Dann wird jeder Tag zu einem Abenteuer. Wie sagte Pippi Langstrumpf? «Das habe ich noch nie gemacht, ich glaub’, ich kann das!»
Lesestoff: Pfad-Finder
In der modernen, durchdigitalisierten Welt endloser Möglichkeiten spiegeln Harald Philipps Erlebnisse die Sehnsucht vieler Menschen wider: nach einem überschaubaren Leben, nach intensiven Naturerfahrungen und echter Freiheit. Neben packenden Erzählungen seiner Bikeabenteuer beleuchtet das Buch auf einer zweiten Erzählebene Haralds persönliche Veränderung. Es erzählt, wie ihm die Reisen helfen, neue Pfade im Leben einzuschlagen, und erklärt unterhaltend und informativ, wieso es wichtig ist, die ausgetretenen Wege des Alltags gelegentlich zu verlassen.
Im März 2020 gastiert Harald Philipp mit seinem Multimedia-Vortrag «Pfad-Finder» in der Schweiz.
Alle Termine unter:
summitride.com
Info
Delius Klasing Verlag
144 Seiten
120 Farbfotos
29,90 Euro
ISBN 978-3-667-10689-6
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