Emilie: Für mich war es immer wichtig, dass ich das Maximum gebe. Als Camille schneller wurde als ich, hat mich das genauso gefreut, wie wenn ich das Resultat erreicht hätte. Gegen alle anderen Fahrerinnen wollte ich mich aber schon durchsetzen. Der Ehrgeiz, als mindestens zweitschnellste Schweizerin ins Ziel zu kommen, war immer da! (lacht)
Camille: Ich habe Emilie nie als Konkurrentin angesehen. Wenn sie schneller war als ich, hat mich das für sie gefreut.
Ihr macht kein Geheimnis um euren Beziehungsstatus und seid damit in der Mountainbikeszene bestens akzeptiert.
Emilie: Mir war schon in meiner frühen Jugend bewusst, dass ich «etwas anders bin», und deshalb ist es für mich das Normalste der Welt.
Camille: Wir sind seit vier Jahren ein Paar und haben vor Kurzem unsere neue Wohnung bezogen. Da gibt es nichts zu verheimlichen.
Emilie: Als ich angefangen habe mit dem Downhillen, gab es noch ein paar andere homosexuelle Fahrerinnen. Das war aber schon damals völlig in Ordnung.
Emilie: Ich denke, die Männer sind oftmals auch in ihrer Rolle gefangen. Es geht doch auch immer darum, «den starken Kerl» zu geben. Speziell in einem Extremsport. Viele haben wohl Angst vor allfälligen Konsequenzen vonseiten des Publikums oder der Sponsoren.
Hattet ihr von diesen beiden Seiten schon negative Erfahrungen gemacht?
Camille: Bislang nicht. Ich gehe auch nicht davon aus, dass dies in unserem Sport jemals der Fall sein wird. Wenn ein Hersteller ein Problem damit haben sollte, dann möchte ich auch gar nichts mit seinen Produkten zu tun haben!
Camille: Ja. Ich von meiner Warte aus sehe nämlich das Problem nicht. Es spielt doch keine Rolle, welche sexuelle Orientierung jemand hat.
Emilie: Jein. Es geht ja in der öffentlichen Diskussion nicht nur um das eigene Befinden. Vielmehr sehe ich es als wichtig, die Umwelt über das Thema aufzuklären und Jugendlichen den Weg zu ebnen.
ist eine Herzensangelegenheit
und mein Beitrag
zur Enttabuisierung.»
Emilie: Das ist eine Herzensangelegenheit von mir. Ich sehe mein Engagement als Beitrag, das Thema zu enttabuisieren. Denn unsere persönliche sexuelle Orientierung hat keinen Einfluss auf die sportlichen Leistungen und Erfolge. Anzügliche Bemerkungen von Zuschauern oder Passanten aber schon.
Passiert das oft?
Emilie: Öfter, als man sich denkt. Das beginnt mit einem versteckten Pfeifen auf der Strasse und gipfelt in üblen Beschimpfungen. Da fallen echt Worte, die man nicht abdrucken kann! Wir sind gestandene Frauen und können damit umgehen. Aber ein Teenager, der in dieser so wichtigen Lebensphase eh schon mit sich zu kämpfen hat, dem setzen solche Haltungen seiner Umwelt enorm stark zu. Da sehe ich meinen Einsatz als wichtigen Tropfen auf den heissen Stein.
Seht ihr euch als Vorbilder für junge homosexuelle Sportlerinnen und Sportler?
Camille: Ich stehe nicht mit diesem Mindset auf am Morgen. Aber ja, selbstverständlich gibt es junge Sportler und Sportlerinnen, die zu uns aufschauen. Wenn mich jemand nach Tipps fragt, gebe ich immer gerne Antwort. Egal, ob Mann oder Frau, homo- oder heterosexuell.
Haha, nicht wirklich! Als Ambassadorin für das Team Pivot werde ich nach wie vor bei den Downhillrennen dabei sein. Auch um Camille mental zu unterstützen. Als zusätzliches Standbein betreue ich seit Kurzem einen jungen Schweizer Athleten auf seinem Weg an die Spitze. Hier vereine ich meine Ausbildung zum Master of Science in Psychologie mit der langjährigen Erfahrung im Spitzensport.
Vielleicht mache ich das einmal. So zum Spass, um die Reaktion zu sehen. Ich trainiere immer noch zusammen täglich mit Camille und jetzt auch regelmässig zu dritt. Inzwischen lasse ich aber schon mal ab und zu ein Intervall aus. Das realisiert dann Camille meist recht schnell und sie reklamiert lautstark! Aber ich denke, wir profitieren alle gegenseitig.
Ihr seid bis anhin immer zusammen auf der Streckenbesichtigung gewesen und habt Lines besprochen und ausprobiert. Wie wird das in Zukunft vonstatten gehen?
Camille: Wir waren ja nicht nur zu zweit unterwegs bisher. In Zukunft werde ich halt mit der jungen Österreicherin Valentina Höll und meiner slowenischen Teamkollegin Monika Hrasnik die Linien studieren. Von Emi kommen dann hoffentlich wertvolle Tipps und Inputs «von aussen». Vielleicht dann mehr als mentale Unterstützung als für die Linienwahl.
war für mich brutal.»
Camille: Das stimmt! Wenn ich zurückdenke, kann ich es selbst kaum fassen. Seit meinem ersten internationalen Downhillrace, an den Europameisterschaften im März 2018, ist es sehr schnell vorangegangen.
Im wahrsten Sinne des Wortes.
Wegen des Sportstudiums und den langen Wegen ins Training habe ich trotz der Teilnahme an den Olympischen Spielen in Vancouver im Jahr 2010 mit Eishockey aufgehört. Weil viele meiner Studienkollegen mountainbiken gingen, habe ich ebenfalls damit angefangen. 2019 konnte ich Europameisterin werden und mir dann im Jahr darauf bei den Weltmeisterschaften im österreichischen Leogang das Regenbogentrikot sichern. Crazy!
Camille: Nach dieser überraschenden Goldmedaille war der Druck schon gross, aber ich bin zum Glück daran gewachsen und konnte mich seither im immer kompetitiver werdenden Feld der Frauen etablieren.
Emilie: Zum einen war Camilles Entwicklung für mich brutal, denn ich war jahrelang die schnellste Schweizerin im Weltcup. Zum anderen macht mich ihr Weg auch sehr stolz, denn meine Partnerin ist Weltmeisterin geworden, und wer gewinnen will, muss immer zuerst auch sie schlagen.
Ich habe bei Dorval AM Commençal einen Vertrag bis 2024. Was danach kommt, weiss ich noch nicht. Der Gesamtweltcup ist ein grosses Ziel von mir. Aber auch jedes weitere Weltmeister-, Europameister- und Schweizermeister-Trikot bekäme einen Ehrenplatz. Alles ist möglich, wenn ich weiter so konstant fahre und verletzungsfrei bleibe.
kann dir ein ganzes jahr Arbeit zunichtemachen.»
An «die Pension» denke ich noch nicht mit einer Faser meines Körpers. Mein Job als Downhillerin ist anspruchsvoll, und eine dumme Verletzung kann dir ein ganzes Jahr Arbeit zunichtemachen. Deshalb gebe ich nur selten Stellvertretungen bei meinen Kolleginnen. Ehrlich gesagt, regeneriere ich in meiner freien Zeit lieber und mache etwas für mich. So wie jetzt, denn ich muss unbedingt noch mit dem Auto in die Werkstatt.
Immer hart am Gas, da wollen wir dich nicht aufhalten. Camille, Emilie, danke für das Gespräch!
Camille Balanche ist Multisportlerin. Zuerst fuhr sie den Titel der Junioren Schweizermeisterin im Fechten ein, wurde dann Olympionikin mit dem Damen-Eishockey-Nationalteam, um ihre Karriere mit dem Titel «Weltmeisterin im Downhill» zu krönen. Zum Mountainbike kommt Camille während des Sportstudiums in Magglingen. Als sie immer mehr Gefallen am Sport findet, beginnt sie, an Enduro-Rennen teilzunehmen, und trifft so Emilies Vater Nicolas. Fortan bilden die beiden Frauen eine Trainingsgemeinschaft und werden ein Paar. Bis ins Jahr 2024 wird sie in den Farben ihres aktuellen Teams, «Dorval AM Commençal» an den Start gehen.
Die studierte Psychologin Emilie Siegenthaler war als Kind auf den Langlaufskiern unterwegs anzutreffen. Zu Beginn ihrer Mountainbike-Karriere startete sie in der olympischen Disziplin Cross Country. Nachdem sie Europameisterin bei den Juniorinnen wurde, brach 2006 das Pfeiffersche Drüsenfieber ein zweites Mal aus. Daraufhin geriet Emilies steile Karriere ins Stocken und sie wechselte das Arbeitsgerät. Als Downhillerin wurde sie insgesamt sieben Mal Schweizer Meisterin und erlangte etliche Podest- und Podiumsplätze im Weltcup. Ende 2021 trat Emilie Siegenthaler vom professionellen Sport zurück.
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