Roadtrip Italien:
Freiheit auf vier Rädern

Text: Karin Pasterer | Foto: Mia Maria Knoll
08.07.2021

roadtrip zwischen kiefern und chianti

Einsteigen, losfahren und ab in den Süden: Ein Roadtrip mit dem Camper durch Italien verspricht nicht nur fabelhaften Kaffee, hervorragendes Essen und Sonnenschein, sondern vor allem Uphills mit Meerblick, verlassene Trails und überraschende Geheimspots, an denen man selten auf andere Biker trifft.
Wir stehen barfuss im Sand. Das Meer umspült unsere Knöchel, das Salz brennt auf den kleinen Schrammen am Schienbein. Das Wasser glitzert in der Sonne und zieht uns magisch in seinen Bann. Wir befinden uns in der «Buca delle fate», nahe des historischen Orts Populonia an der toskanischen Küste. Mit jeder Welle, die sanft am Ufer der «Bucht der Feen» bricht, kommt unser Herzschlag nach der rasanten Abfahrt wieder zur Ruhe.

Wenige Tage zuvor stehen wir noch etwas ratlos vor unseren beiden Campingbussen, packen die Bikes ein und statten die Fahrerkabine mit Studentenfutter und Schokolade aus – ohne einen genauen Plan, wohin die Reise gehen soll. Doch ein Roadtrip wird ja bekanntlich erst dann zum richtigen Erlebnis, wenn man sich von seinem Bauchgefühl leiten lässt und dem Weg ins Ungewisse folgt. Und genau danach steht uns – das sind Manuel Mayer, Mia Knoll, Mäx Löffler und ich – in diesem verrückten Jahr der Sinn: einfach losfahren, Sonne tanken – und zusammen ein paar entspannte Tage auf dem Bike verbringen.
Ein Ort, den wir ohne Roman und Claudi niemals entdeckt hätten – der felsige Strand von Giglio Campese.
Foto: Mia Maria Knoll
Roadtrip Italien:   Freiheit auf vier Rädern
Ein Ort, den wir ohne Roman und Claudi niemals entdeckt hätten – der felsige Strand von Giglio Campese.
Wir haben die Grenze nach Italien gerade hinter uns gelassen und nutzen die erstbeste Gelegenheit, um uns mit einem leckeren Espresso auf unseren Roadtrip einzustimmen. Voller Vorfreude teilen wir unsere #vanlife #cofffeebreak auf Instagram und erhalten prompt eine Nachricht: «Wo geht’s hin?», schreibt unser Mountainbike-Kollege Roman, der erst kürzlich zusammen mit seiner Freundin Claudi ein eigenes Guiding- und Reiseunternehmen namens Bucketride gegründet hat. «Finale Ligure und dann sehen wir weiter», antworten wir.

Wie es der Zufall so will, sind Claudi und Roman gerade in der Toskana, um die besten Spots für ihre geplante Toskana-Reise zu erkunden. Ein Glück, dass wir flexibel sind – und uns sowieso treiben lassen wollten. Wenige Autostunden und ein paar Espressi später, treffen wir die beiden also in Piombino, der kleinen Hafenstadt in der Provinz Livorno. In den nächsten Tagen wollen wir mit ihnen die Toskana jenseits der typischen Bike-Hotspots erkunden. «Trails, an denen man keine Menschenseele trifft», hatte Roman versprochen. Schon gar nicht im Herbst und Frühling. «In der Toskana ist in der Off-Season kaum etwas los. Die wenigen Biker, die in dieser Region um diese Jahreszeit unterwegs sind, fahren meist in Punta Ala oder Massa Marittima. Die Spots, die wir suchen, scheinen auf des Bikers Landkarte kaum noch auf», verspricht uns Roman.
Unter den Kiefern am langen Sandstrand vom Golf von Baratti lassen wir den Tag Revue passieren. 
Foto: Mia Maria Knoll
Roadtrip Italien:   Freiheit auf vier Rädern
Unter den Kiefern am langen Sandstrand vom Golf von Baratti lassen wir den Tag Revue passieren. 
Vom Aussichtspunkt bei Populonia sieht man bei gutem Wetter die umliegenden Inseln aus dem Meer ragen.
Foto: Mia Maria Knoll
Roadtrip Italien:   Freiheit auf vier Rädern
Vom Aussichtspunkt bei Populonia sieht man bei gutem Wetter die umliegenden Inseln aus dem Meer ragen.
Wir checken am Agricampeggio Podere Etrusco ein und werden von Leo, dem Hofhund mit der Löwenmähne, stürmisch begrüsst. Wie aus dem Bilderbuch liegt der Campingplatz eingebettet zwischen grünen Hügeln, Weinbergen und Olivenhainen, unweit des langen Sandstrandes des Golfo di Baratti. Während die Truthähne neben uns kollern, schlagen wir unser Lager auf. Roman feuert schon den Grill an und Claudi biegt mit einer Flasche des hofeigenen Rotweins um die Ecke. «Bei diesem Wein scheiden sich die Geister», meint Claudi beim Einschenken mit einem Grinsen. «Wir sind gespannt auf euer Fazit.» Wir sind uns tatsächlich uneinig: Als Sommeliers ohne Fachkenntnis reichen unsere Bewertungen von «ist ganz okay» über ein zufriedenes Schlürfen bis hin zu «ich trink dann wohl lieber doch ein Bier». Doch bei einem sind wir uns alle einig: Das eigens im Agricampeggio hergestellte Olivenöl ist hervorragend – und deutlich besser als der Wein.

Als wir gerade unsere Gemüsebomben und Grillspiesse auf den Rost legen, hören wir ein lautes «Ciao Amici». «Matteo», stellt er sich vor und schüttelt uns die Hand. Offensichtlich ein Freund von Roman und Claudi, der sich zum Essen zu uns gesellt. Unter Lichterketten geniessen wir den ersten Abend und erfahren langsam mehr über den Local Matteo, dem Gründer und «Trailarchitekt» von Tuscany Bike. Tatsächlich hat Matteo früher als Architekt gearbeitet. Beim Essen erklärt er uns, warum er nun statt Häusern Trails entwirft: «Ich habe einfach irgendwann gemerkt, dass ich etwas finden muss, das mich glücklich macht, denn das Architektur-Büro war es nicht. Man verbringt schliesslich den Grossteil seines Lebens in der Arbeit. Ich wollte etwas machen, das meine Leidenschaft ist», sagt der gebürtige Toskaner. «Seit ich die Entscheidung getroffen habe, Tuscany Bike zu gründen, fühlt sich kein Tag mehr wie Arbeit an.» Seine Lebensfreude ist ansteckend und wir sind auf die Trails gespannt, die der 30-Jährige rund um seinen Heimatort geschaffen hat. Es steht ausser Frage, dass wir uns auch hier von dieser Begegnung leiten lassen und Matteos Trails in Campiglia erleben wollen.
Foto: Mia Maria Knoll
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Der Trail vom Giglio Castello führt über technische Steinfelder mit Spitzkehren direkt an den Strand von Campese. 
Foto: Mia Maria Knoll
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Der Trail vom Giglio Castello führt über technische Steinfelder mit Spitzkehren direkt an den Strand von Campese. 
Erst biken, dann am Strand auf das glitzernde Wasser schauen: Traumtag!
Foto: Mia Maria Knoll
Roadtrip Italien:   Freiheit auf vier Rädern
Erst biken, dann am Strand auf das glitzernde Wasser schauen: Traumtag!
Als wir gerade unsere Gemüsebomben und Grillspiesse auf den Rost legen, hören wir ein lautes «Ciao Amici». «Matteo», stellt er sich vor und schüttelt uns die Hand. Offensichtlich ein Freund von Roman und Claudi, der sich zum Essen zu uns gesellt. Unter Lichterketten geniessen wir den ersten Abend und erfahren langsam mehr über den Local Matteo, dem Gründer und «Trailarchitekt» von Tuscany Bike. Tatsächlich hat Matteo früher als Architekt gearbeitet. Beim Essen erklärt er uns, warum er nun statt Häusern Trails entwirft: «Ich habe einfach irgendwann gemerkt, dass ich etwas finden muss, das mich glücklich macht, denn das Architektur-Büro war es nicht. Man verbringt schliesslich den Grossteil seines Lebens in der Arbeit. Ich wollte etwas machen, das meine Leidenschaft ist», sagt der gebürtige Toskaner. «Seit ich die Entscheidung getroffen habe, Tuscany Bike zu gründen, fühlt sich kein Tag mehr wie Arbeit an.» Seine Lebensfreude ist ansteckend und wir sind auf die Trails gespannt, die der 30-Jährige rund um seinen Heimatort geschaffen hat. Es steht ausser Frage, dass wir uns auch hier von dieser Begegnung leiten lassen und Matteos Trails in Campiglia erleben wollen.

Und tatsächlich hat Matteo nicht zu viel versprochen. Das Gebiet um Campiglia ist ein wahres Trailparadies. Rund um Campiglia Marittima, einem mittelalterlichen Dorf mit vielen kleinen Gassen, herrlichen Trattorien und gemütlichen Cafés, haben Matteo und seine beiden Shaper eine gute Hand voll Trails geschaufelt. Wir lassen den losen Erdboden in den naturbelassenen Kurven fliegen, lassen die Finger über schnelle Wurzelteppiche von der Bremse und pedalieren den 300 Höhenmeter hohen Monte Calvi wieder und wieder hoch. «Hey Leute! Ich kann nicht mehr», muss ich mir nach der vierten Runde eingestehen. Der Rest der Crew will noch einmal hoch. «Easy! Ich such inzwischen die beste Pizza der Stadt», verabschiede ich mich und werde in der Pizzeria «Il Pozzo Lungo» fündig.
Foto: Mia Maria Knoll
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einfach losfahren, Sonne tanken – und zusammen 
ein paar entspannte Tage auf dem Bike verbringen.

Zeit, weiterzuziehen

Etwa zwei Autostunden weiter südlich schlagen wir unser Lager auf dem Stellplatz am Fusse des Monte Argentario in Porto Santo Stefano erneut auf. Der eher spartanische Stellplatz hat fast schon abenteuerlichen Charakter. Doch der rote Lehmboden, eine romantische Beleuchtung und eine Feuerstelle machen ihn äusserst gemütlich. Ab und zu kommt sogar ein freundlicher Hund namens «Luce» vorbei, um nach dem Rechten zu schauen – fast so, als würde sie uns und die Esel, die hier so durch die Bäume schlendern, bewachen. Das Grundstück, auf dem wir campen, gehört einem Professor aus Rom, den Roman schon während seiner letzten Erkundungstour kennengelernt hat. In nächster Zukunft soll hier ein kleiner Familienfreizeitpark mit Streichelzoo, Kinderspielplatz, Bike-Verleih und Steak-House entstehen. Dass wir gerade die einzigen Gäste auf dem ganzen Gelände sind und so die Ruhe geniessen können, wird sich damit vermutlich schnell ändern.

Die moderaten 550 Höhenmeter bergauf lassen wir tags drauf dank der angenehmen Steigung sowie dem traumhaften Meerblick fast ohne Anstrengung hinter uns. Eine kühle Brise weht uns stetig um die Nase, die Stille rund um die Insel wird nur durch Vogelzwitschern durchbrochen. Während uns Roman nach der ersten Abfahrt durch den Dschungel von «Madonnina» seinen Lieblingstrail hier am Monte Argentario – den «Sentinel», auf Deutsch Wächter, – schmackhaft macht, zaubert Claudi Kekse, Nüsse und andere Leckereien für die ganze Gruppe hervor. Eine Mischung aus steilen Kehren, losem Waldboden und schnellen, flowigen Parts bringt uns zum «Vipera», der uns mit seinen verspielten Jumps und einem fotogenen «Rockface» Freudenschreie entlockt. Der Trail mündet direkt in den nächsten – und der «Parassiti» steht in seiner Charakteristik seinem Vorgänger in nichts nach. Wir sind uns einig: Diese Trailkombination ist nicht zu Unrecht Romans Favorit! Wir sind fix und fertig, glücklich und zufrieden. Und das, obwohl wir gerade mal die Hälfte der Trails am Monte Argentario gesehen haben.
Die imposante Architektur der Festung von Populonia. Im Inneren der Stadtmauer machen wir eine Pause mit Cafè und erfrischendem Gelato.
Foto: Mia Maria Knoll
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Die imposante Architektur der Festung von Populonia. Im Inneren der Stadtmauer machen wir eine Pause mit Cafè und erfrischendem Gelato.
Eine Erkundungstour durch die kleinen Gassen von Giglio Castello ist wie eine Zeitreise in das sagenumwobene Mittelalter.
Foto: Mia Maria Knoll
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Eine Erkundungstour durch die kleinen Gassen von Giglio Castello ist wie eine Zeitreise in das sagenumwobene Mittelalter.

Das sind die Momente, die einen Roadtrip so besonders machen. Eindrücke und Gefühle werden intensiver und Bekanntschaften besonderer.

Vom Roadtrip zum Boattrip

Noch vor dem Wecker werden wir durch die Sonnenstrahlen, die sich durch den dünnen Vorhang an der Heckscheibe kämpfen, geweckt. Wir öffnen unsere Heckklappen und Schiebetüren und lassen uns die Sonne ins Gesicht scheinen. Jemand hat bereits Kaffee aufgestellt, die Bialetti blubbert schon eifrig und mit intensivem Duft vor sich hin und lockt uns schlussendlich aus den Schlafsäcken. Zwei Stunden später befinden wir uns auf einer Fähre, die uns zur Insel Giglio bringt. Bei der Einfahrt in den Hafen mit den bunten Häusern sieht man am höchsten Punkt der Insel das «Giglio Castello» – unser Ziel des heutigen Tages. Das Schloss gehört zu den «borghi più belli d’Italia», übersetzt: zu den schönsten Orten Italiens. So schlendern wir nach dem Uphill noch durch die kleinen Gassen und lassen die Aussicht auf uns wirken. Wenig später schmücken meterhohe Kakteen den Wegesrand, überall duftet es nach Rosmarin und Minze. Wir sausen in völliger Einsamkeit durch die flowigen Trails. Lediglich bei den Uphills auf den Strassen begegnen wir einigen Roadies, die mit einem freundlichen «Buongiorno» bergauf an uns vorbeiziehen. Als wir in den Trail einbiegen, hält plötzlich ein Polizeiwagen. Kleinlaut begrüssen wir die Beamten mit der Befürchtung, die falsche Abfahrt gewählt zu haben. Da grinsen sie uns an und geben uns mit einem Daumen nach oben zu verstehen, dass wir Spass haben sollen. «Ciao, e buona giornata!» Erleichtert biegen wir in den felsigen Trail ein, der uns am anderen Ende der Insel zwischen Palmen und einem langen Sandstrand wieder ausspuckt.

Am nächsten Morgen spüren wir die Höhen- und Tiefenmeter der vergangenen Tage in den Knochen. Mit frisch gebrühtem Kaffee in den Tassen sitzen wir vor den Bussen und geniessen die warmen Sonnenstahlen im Gesicht. Wie schön wäre es, zu bleiben. Und doch zieht es uns weiter. Den Vormittag verbringen wir mit Pläne schmieden, Karten- und Wetter-Apps checken. «Wollten wir nicht eigentlich nach Finale?», meint Manuel mit einem Grinsen. «Wie wäre ein Tag Kultur und ein Abstecher nach Siena», wirft Mia mit ein. Wir verstauen unsere Sachen in den Campern und packen die Bikes auf den Träger. Wir werden uns treiben lassen, Neues entdecken. Viel besser, als #vanlife auf Instagram zu teilen, ist doch, das Leben selbst zu gestalten!
Foto: Mia Maria Knoll
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Fachsimpeln mit Matteo über Wein, Trails und das, was glücklich macht. 
Foto: Mia Maria Knoll
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Fachsimpeln mit Matteo über Wein, Trails und das, was glücklich macht. 
La Dolce Vita! Aperol Spritz schmeckt nach einem langen, aber guten Tag auf dem Bike besonders lecker!
Foto: Mia Maria Knoll
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La Dolce Vita! Aperol Spritz schmeckt nach einem langen, aber guten Tag auf dem Bike besonders lecker!
Abende unter freiem Himmel – Ohne Handys 
und Fernseher, dafür mit tollen Menschen, 
die man entlang des Weges trifft.

Bike-Roadtrip Toskana

Region

Der Süden der Toskana ist bei Bikern noch nicht allzu bekannt. Umso überraschender ist es, dass man hier einen Highlight-Trail nach dem anderen vorfindet. Shuttledienste oder Lifte gibt es wenige, weshalb man sich mit 500 bis 1000 Höhenmeter-Uphills anfreunden muss. Die Aussicht auf das Meer entschädigt aber alle Anstrengungen.

Campingplatz

Der gut ausgestattete Campingplatz Podere Etrusco in Piombino ist zwischen den typisch toskanischen Hügeln eingebettet. Der Bauernhof nebenan hat sogar eine kleine Wein- und Olivenölproduktion. Der gemütliche Stellplatz am Fusse des Monte Argentario hat einen abenteuerlichen Charakter und hat infrastrukturell weniger zu bieten, befindet sich aktuell aber noch im Ausbau.
podereetrusco.it/de

Off-Bike

In der Region gibt es viele historische Städte zu entdecken. Pisa oder Siena befinden sich jeweils nur 1,5 Stunden von Piombino entfernt, Rom ist mit zwei Stunden Entfernung von Monte Argentario auch für einen Tagesausflug gut erreichbar.

Guiding

tuscany-bike.com
Matteo und andere Locals kennen die besten und schönsten Trails in der Toskana.
bucketride.de
Claudi und Roman sind beides zertifizierte Fahrtechniktrainer und Guides und bieten Techniktrainings genauso wie MTB-Reisen, beispielsweise in die Toskana, an.

Weitere Infos zum Biken in der Toskana

Karten

Supertrail Map Maremma, 1:50'000
supertrail-map.com
supertrail.guide
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