Motor und Schaltung als Paket
Ein weiterer, wenn nicht der grösste Vorteil einer kombinierten Motor-/Schalteinheit ist dessen Wartungs- und Verschleissarmut. Der Riemen oder die Kette dienen hier lediglich der Kraftübertragung auf das Hinterrad – selbst bei gröbsten Schlammfahrten bleibt die Schaltperformance der MGU komplett unbeeinträchtigt. Als Wartungsintervall für die MGU gibt Pinion 10.000 absolvierte Kilometer bis zum kompletten Getriebeölwechsel aus. Für normalsterbliche Mountainbiker bedeutet das: eine Schaltungswartung alle drei oder vier Jahre, maximal. Dies wird umso mehr dadurch begünstigt, dass die Schaltungsvorgänge nicht mehr über Züge, sondern elektronisch eingeleitet werden.
Die Schaltperformance in der Praxis
Durch die Tatsache, dass bei der MGU Schaltung und Antrieb keine zwei voneinander unabhängigen Systeme darstellen, lässt sich der Schaltvorgang über die Steuerungssoftware optimieren. Durch verschiedene Sensoren erkennt das System auch die Stellung der Kurbel, und führt den am Remotehebel elektronisch angeforderten Gangwechsel erst im Totpunkt, also bei senkrecht stehender Kurbel aus. Auch kommt bei der MGU, anders als bei «klassischen» Pinion-Gearboxen, keine Mechanik beim Schaltvorgang ins Spiel – der Gangwechsel selbst wird durch Stellmotoren innerhalb des Getriebes erledigt. In der Praxis führt das zu einem fast schon idiotensicher flüssigen Schaltvorgang, der Kettenantriebe locker outperformt.
Auch der zweite Gearboxen-Nachteil, nämlich der eines geringeren Wirkungsgrades, wird bei Pinion zumindest gefühlt adressiert. Zumindest subjektiv «zieht» die Pinion-MGU auf vergleichbarem Niveau wie die Konkurrenzantriebe von Bosch & Co. Sicher ist es denkbar, dass das Getriebe in der Endabrechnung ein paar Kilometer an Reichweite kosten könnte (das wäre durch einen standardisierten Reichweitentest zu klären). Durch die gute Funktion und die anderen, schon beschriebenen Vorteile des Systems sollte dieser kleine Nachteil, so er sich überhaupt spürbar als solcher auswirken sollte, aber locker zu verkraften sein.
Haare in der Suppe …?
Auffällig ist, dass bei der MGU nicht jeder Schaltvorgang gleich glatt abläuft. Tatsächlich arbeitet im Inneren der Schalteinheit kein 1x12 Getriebe, sondern zwei hintereinander geschaltete, unabhängige Getriebe-Einheiten mit drei bzw. vier Positionen. Vom Prinzip her funktioniert das wie eine klassische Kettenschaltung mit drei Kurbelblättern und vier Ritzeln. In der Praxis müssen also beim Wechsel vom vierten in den fünften und vom achten in den neunten Gang beide Getriebe einen Schaltvorgang durchführen, was diese beiden Gangwechsel etwas träger macht als die anderen. Auch quittiert der Motor diese beiden Schaltvorgänge mit einem deutlich veränderten Laufgeräusch, das man, überzogen formuliert, als ein «Aufheulen» bezeichnen könnte. Aber keine Sorge: Insgesamt ist das Betriebsgeräusch zwar etwas höher als bei manch anderen Antrieben, bleibt jedoch immer in einem relativ dezenten und absolut akzeptablen Bereich.
Eine weitere spannende, beim Mountainbiken aber nicht immer praxisgerechte Funktion der MGU ist die sogenannte «Start Select» Automatik. Hier lässt sich über die App der Gang auswählen, der im Stillstand automatisch angewählt wird und so das Anfahren erleichtern soll. Bei einem Ampelstopp ist das eine super Sache. Beim Mountainbiking ist aber je nach Gelände die Wahrscheinlichkeit doch recht hoch, dass der vorausgewählte Gang für das Gelände nicht geeignet ist. Sicher lässt sich diese Funktion jederzeit manuell «überstimmen». In der Praxis, oder zumindest im technisch anspruchsvollen Gelände, wird diese Funktion wohl kaum zum Einsatz kommen.
Ähnlich verhält es sich mit der Halbautomatik-Funktion, die sich ebenfalls optional nutzen lässt. Hier wählt man im Menü einen gewünschten Kadenzbereich vor – das System führt dann abhängig von der aktuellen Geschwindigkeit auch in Abfahrten und ohne Kurbelbewegungen ständig Schaltvorgänge durch. Dadurch soll jederzeit der richtige Gang anliegen, mit dem sich bei erneutem Pedalieren die ausgewählte Kadenz erreichen lässt.
Im welligen XC-Gelände und ohne grössere Temposchwankungen ist das durchaus interessant und funktioniert. Im fahrtechnisch anspruchsvollen Gelände wird diese Funktion aber leicht etwas enervierend. So orchestriert das System etwa ein hartes Abbremsen vor einer Schlüsselstelle mit einem hörbaren Schaltvorgang, teils auch über mehrere Stufen. Sicher ist das hauptsächlich ein «akustisches Problem», das aber dennoch manches Stirnrunzeln auslöst. Doch auch hier sollte man relativieren: Das «Problem», wenn man es als ein solches empfinden will, tritt hauptsächlich in schwierigem Gelände auf. Man darf unterstellen, dass Rider, die ein solches Gelände suchen, in der Regel eher manuelle Schaltvorgänge vorziehen werden.
Unter dem Strich
Fazit: Die Pinion MGU ist ein grosser Wurf mit dem Potenzial, noch besser zu werden, wenn einige der kleinen Problemstellen vor der Markteinführung noch angegangen werden. Wer ein neues E-MTB sucht, sollte ein Pinion-Bike unbedingt antesten!
Mehr Infos:https://pinion.eu/en/e-drive
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