SOLL ICH ODER SOLL ICH NICHT?
Es heisst, Sieger werden im Winter gemacht. Ich bin angefixt und ziehe für den Selbstversuch zwischen Dezember und Februar freiwillig ein recht striktes Trainingskorsett über. Zu Beginn bin ich erst einmal etwas überfordert: Denn die bisherigen Werte aus dem Radcomputer und Herzfrequenzsensor sind das eine. Doch was bringt mir Hobbysportler die Datenflut aus der Wattmesskurbel? Dafür begebe ich mich in die Obhut von zwei Experten: Die Sportwissenschaftlerin Laura Walker, Leistungsdiagnostikerin an der Swiss Sports Clinic in Bern, und Beat Müller, Leistungsdiagnostiker am BASPO in Magglingen, stehen mir bei meinen Fragen zur Seite. «Wattbasiertes Training ist im Profisport unverzichtbar, es lohnt sich aber auch für Hobbysportler. Persönliche Ziele lassen sich viel effizienter ansteuern», erklärt Beat Müller. Bevor ich mich selber in ein zielloses Training stürze, steht am 8. Dezember der erste von zwei Analyseterminen bei Laura an: Wie leistungsfähig ist mein mittelalterlicher Körper und was kann ich mit dieser Trainingsmethode noch aus ihm herauskitzeln? Diese Fragen sollen mit je einem Stufentest geklärt werden. Ganz ehrlich, das sind die schweisserfülltesten Momente des Experiments. Nicht nur, weil einen der «Spiroergometrie»-Test auf dem Spinningrad tatsächlich bis ans absolute körperliche Limit bringt – sondern auch, weil die nackten Zahlen nicht lügen.
Beat Müller
Leistungsdiagnostiker, BASPO
Verordnetes Intervalltraining, um Schwächen zu stärken
Für die folgenden Wochen heisst es für mich: zusätzlich zum «normalen» Grundlagentraining zwei Mal die Woche bei Intervallen Vollgas geben. Vorzugsweise draussen auf dem Bike, aber in meinem Alter darf es auch im Keller auf der Rolle sein. Um die Endwerte nicht zu verfälschen, habe ich mich bewusst nicht um 180 Grad verändert und die vorgegebenen Einheiten in einem für mich normalen Ausmass ins restliche Training integriert. So haben sich im Dezember in etwa 30, im Januar 24 und im Februar nochmals 13 Stunden Training zusammengeläppert.
Praktische Theorie mit den Profis
Nach meinem ersten Stufentest – hier verstärkt sich der Widerstand des Bikes alle 3 Minuten um 30 Watt – erfahre ich also, dass ich, wie erwähnt, über eine gute Grundausdauer verfüge, meinem Motor aber unter Volllast schnell die Puste ausgeht. Deshalb präzisiert Laura Walker ihren Auftrag an mich: «Zwei Mal pro Woche Intervalle trainieren. Geh’ für dreissig Sekunden ‹all in› und wiederhole das Ganze sechs bis acht Mal. Oder fahre vier Mal vier Minuten so hart, dass du die Leistung über die gesamte Zeit halten kannst. Dazwischen erholst du dich während drei Minuten.» Dieses Training steht sicher nicht zuoberst auf der Liste meiner Lieblingstätigkeiten. Aber ich halte mich an die Anweisung. Und: Nun, da ich meine Leistungswerte kenne, verspüre ich den Ansporn, diese doch zumindest ein bisschen nach oben zu schrauben. Bei schlechtem Wetter verschwitze ich waschtrommelweise Handtücher, wenn ich mit «Zwift» digital durchs Wohnzimmer kurble, ansonsten zieht es mich nach draussen aufs Bike. Die Werte der Wattmesskurbel stets im Blick. Die Zeit vergeht wie im Flug, der zweite Test steht an. 10. Februar, Tag der Wahrheit: Wie viel haben die vergangenen Wochen gebracht? Auf die Entwicklung und meine Werte bin ich enorm gespannt (siehe Tabelle).
zu intensiv oder zu lasch zu trainieren.»
Laura Walker
Leistungsdiagnostikerin, Swiss Sports Clinic
Tokyo 2020 werde ich 2021 vor dem Fernseher verfolgen
Eine Frage stellt sich noch: Muss der Test im Labor zwingend sein? «Er macht sehr wohl Sinn, um die persönlichen Werte unter standardisierten Bedingungen zu ermitteln», geben beide Experten zu Protokoll. Zusätzlich bekomme man für den Preis auch noch ein paar wertvolle Tipps zur künftigen Trainingssteuerung. Grundsätzlich können die Eckdaten aber auch auf einer der zahlreichen «Enginecheck»-Segmente von Swiss Cycling ermittelt werden.
Hier kann man sich übrigens auch ohne Wattkurbel seinen Formstand eruieren und mit der Weltelite vergleichen (enginecheck.ch)
Soll ich oder soll ich nicht – Fazit Wattmessung
Was sind Watt?
So viel zur Theorie. In der Praxis ist aber nicht nur die nackte Zahl ausschlaggebend, sondern auch das Gewicht, das mit der erzeugten Leistung bewegt werden muss. Daher erbringt ein durchschnittlich trainierter Mann eine höhere Leistung als die im gleichen Verhältnis trainierte Frau. Das hängt vor allem mit biologischen Parametern wie der Verteilung von Fett- und Muskelgewebe im menschlichen Körper zusammen. Dennoch kann eine Frau durch ihr geringeres Gewicht am Berg mit dem Mann mithalten. Daher wird die Leistung mit dem Körpergewicht ins Verhältnis gesetzt und als Watt pro Kilogramm «W/kg» normiert.
Wie funktioniert Wattmessung und was kostet´s?
sram.com
Für diesen Artikel hat sich der Autor in der Swiss Sportclinic in Bern einem Laktatstufentest mit Spiroergometrie unterzogen. Dieser ermittelt leistungsrelevante Grössen, unter anderem die aerobe und die anaerobe Schwelle, die maximale absolute und relative Leistung sowie die maximalen Sauerstoffaufnahme (VO2max). Der Test kostet 330.–.
swiss-sportclinic.ch
Glossar
Bis zu diesen Wattwerten fühlt sich das Training an, als könnte man die Leistung noch stundenlang aufrechterhalten. Die Energiebereitstellung erfolgt primär mit Sauerstoff, wodurch die Grundlagenausdauer gesteigert wird. Unterhalb dieser «Schwelle» liegt der Wohlfühlbereich des Radsportlers.
Anaerobe Schwelle
Oberhalb dieses Wertes finden Intervalltrainings statt. Diese Einheiten sind meist von kurzer Dauer. Diese Trainings helfen, die anaerobe Schwelle anzuheben und die VO2max-Werte zu verbessern. Hier macht Training richtig weh!
VO2max
Die VO2max entspricht jener Sauerstoffmenge, die pro Zeiteinheit bei maximaler Belastung über die Atmungsorgane aufgenommen und in der Muskulatur verwertet werden kann.
*Quelle: Enginecheck.ch
Rel. VO2max
Der Wert, der aufzeigt, wie viele Milliliter Sauerstoff der Körper pro Minute im Verhältnis zum Körpergewicht aufnehmen kann. Somit können Vergleiche zwischen Sportlern angestellt werden.
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