SCOTT: erst der Motor, dann das Bike

Text: Martin Munker
07.10.2022

Aufstocken statt umschichten

«An Tag 1 der Entwicklung musst du dich entscheiden, welchen Motor und welche Batterie du in einem zukünftigen E-Bike einsetzen willst», sagt Andreas Ziegler. «Jede weitere Überlegung baut auf dieser ersten und zentralen Entscheidung auf!» Andreas ist Produktmanager für Bike-Design und Integration bei Scott, und am Hauptsitz der Firma in Givisiez «seit dem Modelljahr 2016/17 mit E-Bikes beschäftigt», wie er seinen Aufgabenbereich mit leichtem Understatement beschreibt. Wenn es bei Scott um E-Bikes geht, führt an Andreas Ziegler faktisch kein Weg vorbei. Und die Entscheidung für Motor und Batterie ist bei Scott recht grundsätzlich. Von dem 2017 vorgestellten «Ur-E-Bike» Venture bis hin zum aktuellen E-MTB-Boliden «Patron eRide»: Antriebe von Bosch ziehen sich wie ein roter Faden durch das Produktportfolio. Lediglich das E-Spark tanzte 2017 aus der Reihe und baute auf einem Shimano-Antrieb auf. Der Grund: Als erster Hersteller konnten seinerzeit die Japaner mit einer integrierten Batterie aufwarten. «Die Innovation mit den integrierten Batterien wollten wir 2017 pushen», erklärt Ziegler den Schritt. Als Bosch dann mit der vierten Generation des CX-Antriebs nachzog und dafür einen integrierten Powertube-Akku anbot, beschränkte man sich wieder auf nur einen Motorenhersteller.

«An Tag 1 der Entwicklung musst du dich entscheiden, welchen Motor und welche Batterie du in einem zukünftigen E-Bike einsetzen willst»

Andreas Ziegler
Produktmanager Bike-Design und Integration
Bis in alle Zukunft in Stein gemeisselt scheint diese Entscheidung jedoch nicht zu sein. Eine aktuelle Produktentwicklung hinter den Kulissen könnte in naher Zukunft erneut einen zweigleisigen Weg erzwingen. «Es ist ja kein Geheimnis, dass jede grosse Marke an Light-E-MTBs arbeitet. Da kommen auch wir. Das wird erwartet, und dieser Nachfrage werden wir auch gerecht werden», kündigt Ziegler an. Auf welchen Motor Scott bei dieser Modellpalette setzen wird, ist aktuell jedoch noch unter Verschluss. Nur so viel will Andreas Ziegler verraten: Hier wird kein «kleiner Bruder» des Patron eRides auf die Laufräder gestellt. Scotts Light-E-MTBs werden eher als der «grosse Bruder» eines nicht motorisierten Modells daherkommen. Die leichten E-MTBs würden sicher ihren Marktanteil erobern. In einem aber ist sich Andreas Ziegler sicher: «Wer sich an einen Fullpower-Antrieb gewöhnt hat, den kriegst du nicht auf ein Bike mit kleinem Motor.» Das Ziel bei diesem Entwicklungszweig: ein Mountainbike zu konstruieren, das Nutzern ein wenig Unterstützung bietet, beim Fahrverhalten jedoch einem «normalen» Mountainbike so nahekommt wie möglich.
Überhaupt ist man bei Scott sicher, dass nicht-motorisierte Mountainbikes nicht vom Markt verschwinden werden. Scott verkauft immer noch viele solcher Bikes. Konsequenterweise hat man in Scotts Hauptsitz Givisiez dieses Segment daher nicht fallen gelassen, oder Ressourcen umgeleitet. Stattdessen wurde der E-Bike-Bereich kräftig aufgestockt. Zwölf Ingenieure, Produktmanager und -managerinnen sowie Designer und Designerinnen widmen sich aktuell diesem Thema. Tendenz: steigend.
Integration auf die Spitze getrieben: Beim Patron E-Ride verschwindet sogar der Dämpfer im Rahmen.
SCOTT: erst der Motor, dann das Bike
Integration auf die Spitze getrieben: Beim Patron E-Ride verschwindet sogar der Dämpfer im Rahmen.
Form follows function? Grunddlage für die CAD - Feinarbeit ist immer ein schlüssiges Designkonzept.
SCOTT: erst der Motor, dann das Bike
Form follows function? Grunddlage für die CAD - Feinarbeit ist immer ein schlüssiges Designkonzept.
Viel Aufwand, doch von der ersten Idee bis zur Produktion eines E-Bikes vergehen schliesslich immer noch gute zwei Jahre. Die Entwicklung ist dabei oftmals eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Oft genug entwickelt man ein neues Bike rund um einen Antrieb, der noch gar nicht lieferbar ist oder der sich im Extremfall selbst noch in der Entwicklungsphase befindet. Hier sind eine regelmässige Abstimmung und Kooperationen zwischen dem Motorlieferanten und der Entwicklungsabteilung in Givisiez notwendig. Laut Andy Ziegler findet diese auch statt, aber «bei Bosch wirft man jetzt kein Projekt über den Haufen, weil Scott Probleme mit seinem Rahmen für die nächste Motorengeneration hat». Beim «Biobike» sei man da wesentlich freier. Notfalls verbaut man eben einen anderen Steuersatz, eine andere Schaltung, andere Laufräder – bei Biobikes ist ja alles standardisiert. Anders bei einem E-Bike: Der Zusatzantrieb legt den Entwicklern durchaus Fesseln an. Jeder Motor hat seine eigenen Anschraubpunkte, eine definierte Form und einen Schwerpunkt. Hersteller, die auf Serienmotoren statt Eigenentwicklungen setzen, müssen solche Vorgaben zwingend berücksichtigen. Ein Umschwenken im Lauf der Entwicklung ist somit nahezu ein Ding der Unmöglichkeit.
Einen grossen Vorteil hat der Serienmotor jedoch: den Aftersales Support. Scott ist in mehr als 100 Ländern vertreten. Auf das Servicenetz des Systemanbieters zurückgreifen zu können, ist ein unschätzbarer logistischer Vorteil. Den Support kann Scotts Partner bieten, der zudem auf dem Markt sehr akzeptiert ist. Eine Tatsache, die man ruhigen Gewissens auch Scott bescheinigen kann – auch dank des Swiss E-Bike Engineerings in Givisiez.

SCOTT

Ed Scott, Ingenieur und Ski-Rennfahrer aus Sun Valley erfand den ersten spitz zulaufenden Skistock aus Aluminium und legte damit den Grundstein der Marke. Scott wurde 1958 gegründet, 1970 stiess Charley French zur Firma, der für viele technische Innovationen verantwortlich ist und unter anderem 1989 den ersten Aero-Lenker konstruiert hat. Nach Wintersport und Motocross (Goggles, Stiefel, Griffe, Zubehör) war Scott auch in den Fahrrad-Markt eingetreten. Zu den Meilen-steinen gehören die MTB-Federgabel Unishock 1991, das erste Endorphin Mountainbike mit Carbonrahmen 1995, 1997 das erste Genius – bis heute eine erfolgreiche Modellreihe. Immer noch aktuell ist auch das 2010 eingeführte TwinLoc-Federungssystem. Seit 2011 bietet Scott E-Bikes an, aktuell arbeiten in der E-Bike-Abteilung in Givisiez, dem globalen Hautsitz der Firma, zwölf Mitarbeitende.

scott-sports.com

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