Unerschöpfliche Möglichkeiten
Tessin

Text: Ralf Glaser
15.09.2020

Super Trails & Sonne satt

Der südlichste Kanton der Schweiz bietet Mountainbikern schier unerschöpfliche Möglichkeiten. Ob Trailrider oder Einsteiger, Freerider oder E-Biker, hier ist für alle gesorgt – und das praktisch ganzjährig!
Manch einer behauptet, der Kanton Tessin böte neun Monate Frühling, gefolgt von einem warmen Winter. Ganz falsch ist das nicht. Schliesslich werden etwa die Bewohner von Locarno mit durchschnittlich nur 100 Regentagen und gut 2300 Sonnenstunden im Jahr von der Sonne geradezu verwöhnt. Grund dafür ist die Lage südlich des Alpenhauptkammes, der kalte Luftmassen aus dem Norden am Vordringen hindert. So ist das Wetter vor Ort vom Mittelmeer beeinflusst. Rund um die Tessiner Seen herrscht ein sogenanntes «insubrisches Klima». Anders ausgedrückt: ein Klima mit geringen Temperaturschwankungen, bei dem es, wenn es denn mal regnet, sehr ergiebig schüttet. Doch lässt sich das Tessin nicht auf seine berühmten Seen reduzieren. Zwischen dem mit 200 Metern «tiefsten Punkt der Schweiz», dem Lago Maggiore, und dem über 3400 Meter hohen Rheinwaldhorn finden sich auf engstem Raum sämtliche alpinen Vegetationsstufen vereint. Outdoorsportler können hier auf mehr als 4000 Kilometern markierten Wanderwegen aus dem Vollen schöpfen – nicht wenige davon eignen sich bestens für das Mountainbiken. So finden Velo-Liebhaber im Tessin vom frühesten Frühjahr über den heissesten Hochsommer bis weit in den Spätherbst hinein immer eine geeignete Tour. Einen kleinen Appetitanreger bieten die folgenden Seiten. Viel Spass in der «Sonnenstube der Schweiz»!

Touren

Unerschöpfliche Möglichkeiten Tessin
Unerschöpfliche Möglichkeiten Tessin

Ascona-Locarno: Cardada

Die «Cardada Bike» Tour zählt zu den absolut obligatorischen Runden um Locarno. Und das nicht nur wegen des zweifellos atemberaubenden Ausblickes über den Lago Maggiore, wie des Tiefblicks auf die Landzunge von Ascona und Locarno. Auch die Strecke selbst zählt wegen der gebotenen Singletrails zu den ausgesprochenen Leckerbissen der Region. Ein wenig Einsatz ist für eine Runde dieses Kalibers allerdings schon gefragt. Die Runde startet am Bahnhof von Locarno auf 200 Metern Meereshöhe und schraubt sich dann über eine kleine Teerstrasse am Südhang der Cardada nach oben. Erst auf 1100 Metern Höhe endet der Teer, dann wollen noch weitere 300 Höhenmeter Forstweg überwunden sein, bevor der Trailspass beginnt. Die Querung zum Rifugio Lo Stallone bietet dafür einen sehr spassigen Trail und tolle Ausblicke, sodass die Mühen schnell belohnt werden. Wem das nicht schmeckt, nimmt von Locarno aus eine Kombination aus Standseilbahn, Seilbahn und Sessellift und steigt am Lo Stallone völlig ausgeruht in die Runde ein. Nachdem der Ausblick genossen ist, folgt mit der Trailabfahrt ein absolutes Highlight. Ohne grosse fahrtechnische Schwierigkeiten führt er in zig Kehren durch einen schattigen Laubwald, bietet kleine Kicker und immer wieder schöne Blicke über den See, und komplettiert so eine tolle Tour.
Route
Locarno – Monte Bré – Alpe Cardada – Rifugio Lo Stallone – Brione Sopra Minusio – Locarno

Alternativ: Locarno – Standseilbahn Orselina – Seilbahn Orselina-Cardada – Cardada – Sessellift Cardada-Cimetta – Rifugio Lo Stallone – Brione Sopra Minusio – Locarno

Details
Schwierigkeit: Fahrtechnik 3, Kondition 4 / mit Seilbahn: Fahrtechnik 3, Kondition 2
Fahrzeit: 5:30 h
Distanz: 30,1 km
Höhenmeter: 1450 m
Route Nummer: 397

Info + GPS-Download 
ascona-locarno.com/mtb
Unerschöpfliche Möglichkeiten Tessin
Unerschöpfliche Möglichkeiten Tessin

Nordtessin: Bovarina

Was die Streckenlänge und die Fahrzeit angeht, ist diese Tour im oberen Verzascatal nun wahrlich keine tagesfüllende Angelegenheit. Dennoch sollte man sich für diesen Eine spektakuläre Schlucht, tiefe Lärchenwälder, ausgedehnte Alpwiesen mit weiten Ausblicken über die Tessiner Alpen und schliesslich ein rasanter, eigens für Mountainbiker angelegter Trail. Das sind die Zutaten für eine der lohnendsten Touren im Alto Ticino. Und das erste Highlight lässt nicht lange auf sich warten. Blickfang gleich vom Start weg ist die markante Felspyramide des Sosto, dessen steil abfallende West- und Südhänge ihm den Beinamen «Matterhorn des Bleniotals» eingetragen haben. Am Fuss seiner Westwand hat der Brenno Fluss eine enge Schlucht gegraben. Die alte Strasse «Vecchia Strada del Sosto» führt spektakulär mitten durch die Felswände dieser Schlucht. Einst war diese Strasse eine wichtige Handelsroute. Bereits seit geraumer Zeit führt die Strassenverbindung hinauf nach Campo Blenio aber durch einen Tunnel. Damit gehört der Weg durch die Schlucht den Bikern und Wanderern allein. Teer- und Schotterstrasse führen schliesslich hinauf zur Capanna Bovarina, die neben lokalen Spezialitäten auch einen fantastischen Blick zum Stausee Luzzone und auf die Greina-Hochebene bietet. Hier beginnt auch der Singletrail mittlerer Schwierigkeit, der extra für Mountainbiker angelegt wurde und mit seinen zahlreichen rasanten Kehren die Mühen des Aufstiegs vergessen lässt.Zeit nehmen – insbesondere an einem warmen Sommertag, für den diese Tour explizit empfohlen wird. Nicht nur, dass der «Sentiero Verzasca» durch eine wildromantische Landschaft führt, und daher zu recht zu den schönsten Wegstrecken der Schweiz zählt. Zudem bietet die Route ungezählte Möglichkeiten für ein erfrischendes Bad in einer der kristallklaren, smaragdgrünen Gumpen, für die der Flusslauf der Verzasca berühmt ist. Die Tour beginnt im Ortsteil «Ai Piée» des Dorfes Brione Verzasca, und führt immer in unmittelbarer Nähe an der Verzasca entlang. Mal über Schotterstrassen, teils über hölzerne Stege, Hängebrücken ... doch auch kurze Trailabschnitte sind dabei, die der Tour ihre Würze geben. Dennoch bleiben die fahrtechnischen Ansprüche in überschaubarem Rahmen, weswegen sich diese Tour auch für Familien mit Kindern eignet – diese werden hier ihren Heidenspass haben. Für Erwachsene interessant ist auch ein Besuch des Museums Val Verzasca im urigen Ortszentrum von Sonogno. Hat man sich hier gestärkt und das Ambiente in diesem Bergdorf genossen, führt die Strecke wieder über denselben Weg zurück zum Ausgangspunkt.
Route
Olivone – Gola del Sosto – Campo Blenio – Val di Campo – Alpe Predasca – Capanna Bovarina – Orsàira – Campo Blenio – Gola del Sosto – Olivone

Details
Schwierigkeit: Fahrtechnik 3, Kondition 4
Fahrzeit: 4:40 h
Distanz: 24,9 km
Höhenmeter: 1220 m
Route Nummer: 388

Info + GPS-Download
bellinzonese-altoticino.ch/mtb 
Unerschöpfliche Möglichkeiten Tessin
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Lugano: Vicania

Direkt südlich von Lugano dominiert der Monte San Salvatore die Szenerie. Er bildet den Kulminationspunkt einer Halbinsel, die weit in den Lago di Lugano hineinragt, und an deren südlicher Spitze die Alpe Vicania liegt. Diese bildet auch den Wendepunkt dieser Mountainbike-Tour, die eindrückliche Naturerlebnisse mit kulturellen Highlights verbindet und zudem wunderbare Panoramen bereithält. Die Tour beginnt in «Paradiso», nahe des Hafens von Lugano, an der Talstation der Standseilbahn zum Monte San Salvatore. Eine gleichmässig ansteigende Asphaltstrasse führt von hier hinauf zur Ortschaft Pazzallo. Dort wird es zum ersten Mal fahrtechnisch interessant: Ein kleiner Trail quert durch einen schattigen Laubwald hinüber nach Carabbia und schliesslich weiter nach Torello. Hier treffen wir auf die Klosterkirche Santa Maria Assunta und auf dem Weiterweg die kleine Kirche Madonna d’Ongero, die beide einen Zwischenstopp lohnen. Weiter geht’s über die Via Crucis zur Alpe Vicania, von der sich ein fantastischer Blick über den südlichen Lago di Lugano öffnet. Doch auch die folgende Ortschaft Carona bietet mit ihrem botanischen Garten und dem malerischen Ortskern rund um die Pfarrkirche San Giorgio interessante Eindrücke zuhauf. Ein kleiner Trail führt von dort hinüber nach Ciona, der Rückweg folgt dann der bereits bekannten Strecke des Aufstiegs.
Route
Paradiso – Pazzallo – Carabbia – Torello – Madonna d’Ongero – Alpe Vicania – Parco San Grato – Carona – Ciona – Carabbia – Pazzallo – Paradiso 

Details
Schwierigkeit: Fahrtechnik 2, Kondition 3
Fahrzeit: 3:40 h
Distanz: 24,4 km
Höhenmeter: 852 m
Route Nummer: 351

Info + GPS-Download 
luganoregion.com
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Lugano: Castagno

Wie dieses herrliche Stückchen Landschaft zu seinem Namen «Malcantone» kam (oder im Mittelalter gar «Malus angulus» – der schlechte Winkel), ist heute nur schwer vorstellbar. Vermutlich weil es in früheren, härteren Zeiten alles andere als einfach war, diesem Flecken Erde seinen Lebensunterhalt abzutrotzen. Wie das den Einwohnern der vielen kleinen und abgelegenen Bergdörfer trotzdem gelang, lässt sich auf einer Mountainbike-Tour vor Ort erkennen. Die Früchte des Kastanienbaumes dürften die wesentliche Zutat auf dem Speisezettel gewesen sein – sie nehmen bis heute einen hohen Stellenwert in der lokalen Küche ein. Wie sehr die Kastanie das Leben der Menschen prägte, lässt sich auf dem Themenweg «Sentiero del Castagno» erfahren, der auf dieser Tour zur Hälfte befahren wird. Hier sind noch einige der «Metato» genannten Steingebäude zu sehen, auf denen die Kastanien auf Rosten ausgelegt und mit Rauch getrocknet wurden, um sie länger haltbar zu machen. Für Mountainbiker ist ein Abstecher ins Malcantone weit weniger ernst, wenn auch nicht ganz mühelos. Die 1400 Meter Gesamtanstieg der Tour teilen sich auf einige grössere und nicht selten recht steile Anstiege auf. Zum Ausgleich warten in den tiefen Laubwäldern einige spassig zu fahrende Trails in absoluter Ruhe und immer wieder schöne Ausblicke auf den Luganersee.
Route
Magliaso stazione – Neggio – Vernate – Iseo – Cademario – Arosio – Mugena – Vezio – Breno – Maglio del Malcantone – Cademario – Vernate – Neggio – Magliaso stazione 

 Details
Schwierigkeit: Fahrtechnik 3, Kondition 4
Fahrzeit: 5:30 h
Distanz: 38,4 km
Höhenmeter: 1477 m
Route Nummer: 355

Info + GPS-Download
luganoregion.com