Filmreif
Mountainbiken in Gröden

17.08.2020

Südtirol

Langkofel, Sella und Geislerspitzen – ihre Felstürme ragen überm Grödnertal auf wie Burgen. Der Bergfilmpionier Luis Trenker hat sie in Filmklassikern verewigt. Und immer öfter sind sie mittlerweile auch Kulisse für unvergessliche Biketouren, die hinterher im Kopfkino in Endlosschleife laufen. Trails, die Bikerherzen in Flammen versetzen.
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Märchenhaft – Felsburgen, wie hier die Sellatürme am Grödnerjoch, liefern eine magische Kulisse.

Grosses Kino – vor den Felsgiganten 
der Dolomiten fühlt man sich ganz klein.

Draussen überm Eisack- und Etschtal liegt ein Meer aus Dunst und Wolken. Es brandet an die Wände des Schlern. Sein Massiv ragt am Rande der Dolomiten auf wie eine Burgmauer. Dahinter: Schlösser aus Stein. Dome aus Fels. Gewaltig. Schroff. Ungezähmt. Dazwischen, grünen Gärten gleich, die Südtiroler Alpwiesen. Sanft. Wellig. Weich. «Grosses Kino», schwärmt Moni. Mit ihrem Bike steht sie auf einem Felsvorsprung an der Panascharte unter den Geislerspitzen. Drüben, über der Sellagruppe, türmen sich Schlagrahmwolken hoch in den Himmel. Wie ein Lagerfeuer lodern die Felsen in der Abendsonne. Hinterm Sas Rigais steht drohend eine schwarze Wand. Das Crescendo eines langen Donners rollt die Geislerspitzen entlang und mahnt zum Aufbruch.

Eine Szene, wie sie Bergfex und Bergfilmer Luis Trenker, einer der bekanntesten Söhne des Grödnertals, nicht packender hätte inszenieren können. Dramatisch. Bewegend. Mit garantiertem Gänsehaut-Effekt. Doch für Moni steht heute Abend nicht «Berge in Flammen» oder «Der Berg ruft» auf dem Programm, sondern ein feiner Singletrail-Ride runter nach St. Christina. Sozusagen als krönendes Dessert eines filmreifen Tages. «Komm’, auf der Abfahrt zeig’ ich dir noch einen meiner Lieblingsplätze», ruft Stefan und macht sich mit Freudenhüpfern über ein paar kleine Bodenwellen davon. Um einen Weg im Grödnertal zu finden, den Stefan nicht kennt, müsste man lange suchen. In seiner Jugend unternahmen er und seine Freunde aus dem Tal im Sommer fast jeden Tag mit dem Bike Streifzüge in der Umgebung von St. Christina. Heute gehören solche Exkursionen zu seinem Beruf. Der 26-Jährige ist Bikeguide und Junior-chef des Bikehotels Alpenhotel Plaza in St. Christina. Ein Stück weiter steuert er auf eine Hügelkuppe zu. Gut versteckt liegt dahinter in einer kleinen Senke die Pieralongia Hütte. Eine Alp wie aus dem Bilderbuch. «Hast du jetzt den Heidi-Film eingelegt?», meint Moni augenzwinkernd.
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Traumpanorama – Wie fast alle Trails im Grödnertal geizt auch die Runde um den Langkofel nicht mit gigantischen Ausblicken.

Weit weg vom Trubel

«Fein hier, gell», meint Stefan. «Lass uns grad noch was trinken, das Wetter wird schon noch a bissl halten.» Das lässt sich Moni nicht zweimal sagen, setzt sich auf die Bank vor der Hütte und streckt die Beine aus. Im Rücken wärmen die sonnengegerbten Holzbalken, aufgeheizt von einem langen Sommertag. «Im Winter, wenn ich dem Trubel des Skizirkus unten im Tal mal entkommen will, steig’ ich oft mit Tourenski hier rauf», ­erzählt Stefan. «Dann ist hier kein Mensch, so wie jetzt.» Genau wie Luis Trenker brennt auch Stefan für die Berge. Anders als die Bergsteigerlegende, klar. Aber mit nicht minderer Leidenschaft.

«Erinnerst du dich noch an den Trail heute beim Start unserer Tour?», fragt Stefan. «Der Wald oberhalb von St. Christina und St. Ulrich war in der Jugend unser Spielplatz.» Die Pfade, von denen Stefan spricht, stammen aus Zeiten, in denen noch kaum einer an Wanderwege für Touristen und schon gleich gar nicht an Mountainbike-Trails dachte. Das Leben im Grödnertal war damals noch hart, geduldiges Schnitzen von Holzfiguren für Weihnachtskrippen in den langen, kalten Wintern eine der wenigen Einnahmequellen. Das Holz dafür «schmuggelten» einige Schnitzer auf nicht ganz legale Weise vom Bergrücken Raschötz ins Tal. Dafür legten sie die schmalen Wege an, die auch heute immer noch existieren. «Ein Paradies für Biker, wenn du weisst, wo du sie findest», sagt Stefan. Denn ausgeschildert sind viele von ihnen nicht. Und vielleicht ist das ja auch gut so. Schliesslich gehören «geheime» Trails ja zum Mythos jeder guten Bikeregion.

Vor dem Frühstück gibt’s «Berge in Flammen»

«Bon dì!», grüsst Stefan am nächsten Morgen in weichem Ladinisch. Er klingt noch etwas verschlafen. Schliesslich ist es erst fünf Uhr. «Mit etwas Glück gibt’s gleich nochmals ‹Berge in Flammen›», mutmasst er im Shuttle auf dem Weg zum Grödnerjoch. Eigentlich wäre es nett gewesen, auszuschlafen, das Frühstücksbuffet zu geniessen und dann bequem mit den Liften zum Grödnerjoch zu gondeln. «Aber ein Sonnenaufgangs-Ride dort oben ist etwas Unvergessliches», verspricht Stefan und vertreibt damit auch die letzte Sehnsucht nach der Bettdecke. Auf den letzten Metern vom Pass hinauf zum Start des Cir-Trails unterhalb der Cir-Spitzen färbt sich der Himmel am Horizont schon zartrosa und mutiert dann wenig später zusammen mit den Felsen in sanftes Orange. Wie Wachtürme stehen die steinernen Säulen der Sella auf der gegenüberliegenden Talseite. Augenblicke später schiebt sich die Sonne über den Bergkamm am Sas Ciampac und taucht den Flowtrail als veredelte Murmelbahn in goldenes Licht. «Einfach weltklasse», strahlt Moni, als sie unten am Grödnerjoch ankommt. Zumindest was das Panorama betrifft, gibt es in den Alpen wohl nur wenige angelegte Flowtrails, die dem Cir-Trail das Wasser reichen können. Zeit für ein Cornetto und einen Cappuccino!
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Urig – Die Pieralongia Alp zählt zu den idyllischsten Plätzen im Grödnertal.

Wie im Film – eine Berglandschaft,
an der man sich kaum sattsehen kann.

SellaRonda: Klassiker mit Traumpanorama

Das Frühstück fällt italienisch aus. Kurz und knapp, aber mit ausreichend Koffein. Denn der Cir-Trail ist heute nur der Auftakt zu einem langen Klassiker – der Sellaronda. Im Winter ist die Runde um das Sellamassiv längst Legende. «Früher durftest du die Sellaronda per Bike nur mit Guide fahren», erzählt Stefan. Mittlerweile allerdings haben die Bergbahnen und Tourismusregionen im Grödnertal, im Fassatal und in Alta Badia erkannt, dass sich mit Bikern genauso wie mit Skifahrern Geld verdienen lässt. Und so steht die Runde jedermann offen. Eine landschaftliche Traumtour von knapp 60 Kilometern Länge mit satten 4000 Höhenmetern Abfahrt – und dank Seilbahnen und Sesselliften mit nur 330 zu erkurbelnden Höhenmetern. Mindestens genauso faszinierend wie die Abfahrten sind die immer neuen Blickwinkel auf Piz Boè, Sas Pordoi, die Sellatürme oder den Marmolatagletscher.

Stunden später brauen sich ­schwarze Wolken zusammen. Blitze zucken. Donner grollen. Gut, dass Stefan das Unwetter hat kommen sehen und rechtzeitig eine Hütte angesteuert hat. Zeit für eine kleine Stärkung. Schlutzkrapfen oder Knödel-Tris? ­Draussen schüttet es wie aus Eimern. Eine gute Gelegenheit, von Stefan noch ein bisschen mehr übers Biken rund ums Grödnertal zu erfahren. Das bietet noch weit mehr als die Sellaronda. Denn viele grossartige Trails sind nicht als Bikewege markiert. «Um sie zu entdecken, lohnt es sich, mit einem Local oder einem Guide auf Tour zu gehen», meint Stefan. Er ist gerne bereit, das eine oder andere Geheimnis zu teilen. «Dafür müssen wir noch an einem schlüssigen Konzept für ein gutes, sinnvolles Netzwerk an Trails arbeiten, das auch die Interessen von Wanderern und Naturschutz berücksichtigt.» Da ist Kreativität gefragt. Aber um diese sind die Grödner mit ihrem Sinn für Kunst ja nicht verlegen. Von der Holzschnitzerei als Handwerk leben heute nur noch ganz wenige. CNC-Fräsmaschinen haben die Arbeit übernommen. Aber vielleicht wird ja Trail-Shapen zum Creative-­Job der Zukunft.

Zackig: Singletrails unterm Langkofel

Ein paar von seinen Geheimnissen lüftet Stefan schon am nächsten Tag. Lang­kofel und Seiseralm stehen auf dem Tourenplan. Die Saslong-Abfahrtsstrecke im Ski-Weltcup mit ihren legendären Kamel­buckeln ist längst nicht die einzige Downhill-Attraktion am Fusse des Langkofels. Mit 1300 Höhenmetern bergauf erfordert die Runde trainierte Waden. Im Gegenzug dafür gibt es unvergessliche Blicke auf die wilden Zacken des Grödner Hausbergs – und spannende Abfahrten. Zum Abschied zeigt Stefan auf seinem Smartphone noch ein Bike-Video, das er mit seinen Brüdern und Freunden gedreht hat. Beeindruckende Bilder, die das Kopfkino nochmals in Gang setzen. Nicht so heroisch wie die Filme von Luis Trenker. Aber mit der gleichen Leidenschaft für die Berge und viel Gefühl für eine schöne Line. Moni jedenfalls hat er damit angesteckt. Sie arbeitet derweilen schon an ihrem eigenen Drehbuch für den nächsten Trip ins Grödnertal.
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Das rockt: Nahe des Sella-Passes, geht's durch die Steinerne Stadt – das Ergebnis eines riesigen Felssturzes am Langkofel. In Bikepausen lässt es sich hier prächtig bouldern.
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Touren für Bike-Gourmets – feine Trails als Hauptgericht, Knödel-Tris und Schlutzkrapfen zum Dessert.

Top-Trails und Traumpanorama

ANREISE & SAISON
Das Grödnertal liegt auf der Südtiroler Seite der Dolomiten, eingerahmt vom Naturpark Puez-Geisler auf der einen Seite und dem Langkofel-Massiv auf der anderen. Die Anreise per Auto erfolgt über die Brennerautobahn (A22) bis zur Ausfahrt Klausen / Gröden. Von dort auf der Staatsstrasse 20 km bis St. Christina. Die Bikesaison in den höheren Lagen beginnt im Juni, ab dann laufen auch die Lifte. Liftbetrieb im Herbst teils bis Ende Oktober /Anfang November.

TRAILS & Touren
Ob mit oder ohne Liftunterstützung – das Grödnertal bietet viele Möglichkeiten für Biketouren aller Schwierigkeitsgrade. Auf gebauten Flowtrails, alpinen Bergpfaden, Wald- und Forstwegen kommen Biker aller Couleur auf ihre Kosten. Zu den Klassikern zählt die Sellaronda: 58 km, 4000 hm, davon 330 hm bergauf mit dem Bike, der Rest mit Liftunterstützung.
Info: sellaronda-mtb.com
Weitere Touren: mtb-dolomiten.com, herotrails.com

HÜTTEN & EINKEHREN
Pieralongia Hütte (Geislergruppe), urige Alphütte, erreichbar über die Seceda Seilbahn: Tel. +39 0471 79 30 29
Rifugio Emilio Comici, vielfach ausgezeichnete Gourmet-Hütte am Fusse des Langkofels, benannt nach dem Bergsteigerpionier Emilio Comici: Tel. +390 471 79 41 21, rifugiocomici.com
Daniel Hütte, Seceda, regionale Küche: Tel. +39 335 648 26 60, seceda.cc

ÜBERNACHTUNG
Das Vier-Sterne Alpenhotel Plaza hat den Namen Bikehotel wirklich verdient. Juniorchef Stefan Schenk ist erfahrener ­Downhiller, ausgebildeter Bikeguide und führt zusammen mit Christof Schenk regelmässig Touren. Ein videoüberwachter Bikekeller mit Schuh­trockner gehört ebenso zum Service wie Waschplatz, Wäscheservice, Werkstatt und Infos zu Touren sowie GPS-Routen. Weitere Unterkünfte für Biker: Mountain Bike Holidays: bike-holidays.com

BIKE-VERLEIH
Bike Adolf: bikeadolf.com
Dolomiti Adventures: dolomiti-adventures.com

LIFTE

Gardena Card (nur Liftanlagen Gröden), 3 Tage 67 Euro plus 5 Euro Biketransport pro Fahrt, gardenacard.it
Dolomiti Super Summer: für alle im Sommer geöffneten Anlagen des Verbundes Dolomiti Superski, Tagespass 46 Euro, 3 Tage 107 Euro; dolomitisupersummer.com

EVENTS

Sellaronda Hero Bikemarathon: herodolomites.com
Knödeljagd Val Gardena: Spass-Rennen auf Singletrails, 7. – 9. 9. 2018, dierasenmaeher.de/knoedeljagd

ALLGEMEINE INFOS
Tourismusverein Gröden: val-gardena.net