Ötztal
Das große Einbürgerungsverfahren

17.08.2020

Bike Republic Sölden

In Sölden ist der Mountainbiker von nationaler Bedeutung. Mit der Bike ­Republic ziehen die Ötztaler ein beeindruckendes Staatsgebiet auf.
BRS_Line-©ChristophBayer
In der Bike Republic surfen Biker über unzählige perfekt geshapte Anlieger ins Tal
Ja, klar, man hat noch das Image von Sölden als Après-Ski-Mekka im Kopf. Für den einen der Himmel, für den anderen die Hölle. Allerdings tut sich hier schon einiges im Winter, heisst es. Immerhin ist das iceQ-Restaurant am Gaislachkogl als Drehort vom letzten 007-Film so was wie das Piz Gloria am Schilthorn 2.0. Aber hier gehts weniger um Bond als um Biker. Obwohl: Irgendwie will man ja diese neue Republik ausspionieren.

«Bike Republic Sölden» – was steckt hinter dieser doch recht einzigartigen Staatenbildung? Was ich vorab recherchiert habe: Sölden hat sich entschieden, mehr als nur einen Rauf-Runter-Spielplatz zu schaffen. Wahrscheinlich dachte man, dass nur wenige für einen Tag Bikepark-Ballern extra ins Tal fahren werden. Und wann bleibt ein Mountainbiker länger? Wenn er ein riesiges, abwechslungsreiches Gebiet hat, in dem er sich richtig wohlfühlt. Und so will man im hinteren Ötztal die Mountainbiker gleich einbürgern, sie Teil des Reviers machen und mitregieren lassen. Das erklärt Dominik Linser, der die Republic leitet und so etwas wie der Innen- und Aussenminister in Personalunion ist. «Weisst», sagt er und schnauft, «ich war schon viel Biken auf der ganzen Welt und ich habe schon immer davon geträumt, dass der Spirit von Whistler auf die Alpen überschwappt. Ich meine nicht nur das geile Angebot an Trails, sondern auch die entspannte Atmosphäre. Wir wollen mit der Bike Republic einen Ort schaffen, wo sich wirklich jeder willkommen fühlt – und eben schnell heimisch wird.»

Das heisst konkret, dass der Bike-Staat offen für jeden ist, «der den positiven Bike-Spirit und den respektvollen Umgang mit der Natur lebt.» Nationalität, Geschlecht, Alter, Können egal. «Es soll sich keiner unwohl fühlen, weil er vielleicht gerade erst ins Trailbiken einsteigt. Der Downhiller soll auf der Alpe den Anfänger fragen, wie es war, und Tipps geben. Ich glaube daran. Wenn man das richtige Umfeld schafft, läuft das. Wir sehen es ja jetzt schon.» Das klingt geradezu idyllisch. Auf zum Einbürgerungstest  …
BRS_Kids-©GerhardBerger
... für die ganze Bike-Familie 

Eine Nation von Bikern

Wir starten mit der Teäre Line. Sie war 2014 die erste gebaute Strecke der Republic und Shaper Joscha Forstreuter hat damit gleich mal eine kleine Surf-Legende geschaffen. Direkt ab Einstieg geht es los mit Pump-Sektionen und Kurven, Kurven, Kurven. 130 Anlieger zirkeln extrem fahrspassig über sechs Kilometer ins Tal und spucken uns schliesslich direkt im Pumptrack an der Talstation aus.  

Erst mal verschnaufen – und den Kids beim Rundendrehen zusehen. Es sind Einheimische, das ist unschwer zu erkennen, denn allesamt stecken sie in Söldener Radtrikots. Trainerin Vreni erzählt, dass vor vier Jahren gerade einmal eine Handvoll Kinder im Verein waren. «Heute sind es 100.» Sie grinst in unsere ungläubigen Gesichter. «Ja, durch die Bike Republic hat sich der Sommersport im Tal entwickelt. Zum Saisonwechsel geht’s von den Skiern aufs Bike.» Vor uns steht eine Vierjährige mit ihrem Hello-Kitty-Rad und schaut uns mit grossen Augen an. Die älteren Jungs, sagt Vreni, schauen eher zum 15-jährigen Downhiller Julius Gstrein auf. «Der ist durch die Teäre Line erstmals aufs Bike gekommen und fährt inzwischen bei internationalen Rennen vorne mit.» Gut 200 Mal ist er damals, in der ersten Saison, die Line gefahren. Er konnte es gar nicht erwarten, bis mit der Zaahe Line härteres Material mit viel Airtime gebaut wurde.

BRS_Trailbau-Drohne-©LeslieKehmeier
Immer wieder entstehen neue Trails und Holzkonstruktionen

Sanft & Spannend

Vreni bietet mit ihrer Bike-Schule auch für Gäste ein Kids-Programm im Stile von Skischulen an. So können die Eltern ihren Nachwuchs abgeben und der lernt im Pumptrack und auf den einfachen Trails das Biken. Die soften Lines wollen wir als Nächstes fahren. Vreni wünscht viel Spass, wir nicken höflich, haben aber so unsere Zweifel. Die Strecken der Republic tragen Ötztaler Dialektnamen. Und Eebme steht eben für eben. Klingt semi-spannend. Für Anfänger ideal, aber ein Flow-Trail ohne Gefälle wird sicher schnell langweilig. Keine zehn Sekunden nach dem Einstieg ziehen wir unser Urteil zurück. Die Line ist verdammt lässig (und ewig) zu fahren. Sie ist idyllisch in den Wald eingebettet und mit schier endlos langen Holzkonstruktionen durchzogen. Anhand der Eebme und Ohn Lines hat uns Dominik das nachhaltige Trailbau-Konzept der Söldener erklärt. «Die Teäre ist eine super Line, aber wir haben damals Lehrgeld bezahlt. Der Bau war ökologisch genauso wenig vertretbar wie ökonomisch. Uns wurde schnell klar, dass wir es in Zukunft anders angehen wollen, und haben uns ein entsprechendes Team zusammengestellt.» Sölden hat Biologen und Geologen an Bord geholt genauso wie Allegra Tourismus, die Bike-Spezialisten aus Graubünden.
BRS_gampe_thaya_©ErwinHaiden
Die Gampe Thaya liegt direkt neben den Trails 

Natürliche Erweiterung

Inzwischen gilt die Republic als federführend in Sachen ökologisch verträgliche Trail-Gestaltung. Die Teäre Line wurde renaturiert, die neuen Lines nach strikten Kriterien gebaut: So wenig Maschineneinsatz und so viel Handarbeit wie möglich. Es wird minimal gerodet, steile Böschungen mit Natursteinmauern stabilisiert und eine natürliche Entwässerung direkt eingearbeitet. «Das ist aufwendig und kostet erst mal wirklich viel Geld», sagt Dominik, der wohl auch Umweltminister der Bike Republic ist, «aber es zahlt sich jetzt schon für uns aus. Für die Natur sowieso. Und es ist ein ganz anderes Fahrerlebnis auf einer Strecke, die sich natürlich in die Landschaft einfügt.»

Naturtrails gibt es aber auch in Sölden. Sie waren schliesslich der Grund, wa-rum schon früher so viele Biker ins Tal kamen. Wir sind unterwegs auf dem Nene Trail, der sozusagen die Südgrenze der Bike Republic darstellt. Der erste Abschnitt ist zwar noch nicht besonders technisch, aber abbremsen muss man dennoch: Der Blick in die Ötztaler Alpen ist einfach zu sensationell. Nach den aussichtsreichen Kurven durch das offene Gelände wird’s im Wald wurzelig und tricky. Es ist eine ruppige, aber sehr coole – und sehr einsame Fahrt. Die Leute wollen auf die geshapten Lines. Wahrscheinlich hat man von den Naturtrails schon genug vor der eigenen Haustür. Da nimmt man in der Republic dankbar die gut gebauten Lines mit.

Von oben bis unten

Zum Schluss dürfen wir noch eine Sache tun, bevor sie andere tun dürfen. Die Sache trägt den Namen Ollweite und ist die neue Highlight-Strecke, die offiziell erst zum Saisonstart 2018 eröffnet wird. Sie ist mit sieben Kilometern die längste Line der Republic – und sensationell zu fahren. Sie startet unterhalb der Langegg-Bergstation auf über 2600 Metern und endet nahe der Gletscherstrasse (Drehort der James Bond Verfolgungsjagd). Die Strecke zehrt kräftig an der Ausdauer mit coolen Kurven, Passagen mit Steinplatten und wieder viel verbautem Holz.

Das muss man der neuen MTB-Nation auch lassen: langweilig wird’s nicht. Oben kommt man dem Gletscher sehr nah, fährt durch hochalpine Felslandschaften, surft durch die Wälder und schwingt unten auf weiten Weiden ab. Nach der Ollweite rollen wir mit Über-Minister Dominik auf einem Panorama-Trail zur Gampe Thaya, eine der vielen Almen im Staatsgebiet. Beim Bier fragt Dominik, ob wir uns schon als Bürger fühlen. Wir nicken unisono. Den BRS-Pass haben wir mit Kauf des Lifttickets erhalten, aber der Einbürgerungsprozess kam dann auf den smoothen Trails. Wir stossen an und versprechen, wieder «heimzukommen». «2018 feiern wir ganz gross unseren Nationalfeiertag, inklusive Bürgerversammlung», sagt Dominik. «Da habt ihr dann Stimmrecht, könnt beeinflussen, was zukünftig bei uns passiert. Und es gibt Bikes, BBQ, Barista und unser eigenes Republic Bier». Die Bike Republic weiss, ihre Bürger gut zu behandeln.
BRS_Julius-Pumptrack_©RudiWyhlidal
Pumptrack am Ende der Trails

TRAILS, LINES, PUMPTRACKS

ANREISE, LAGE & SAISON

Das Ötztal zweigt vom Inntal ab und führt über den Grenzpass, 
das Timmelsjoch, ins Südtiroler Passeiertal. Von der Abfahrt der Inntalautobahn A12 sind es etwa 35 km durch das Tal bis nach Sölden. 
Die Bike Republic Sölden eröffnet die Saison am 15. Juni 2018 und schliesst am 30. September 2018.

Das Tagesticket für Erwachsene kostet 37 € / 2 Tage: 68 € / 5 Tage: 151 €
bikerepublic.soelden.com

Weitere Infos: Ötztal Tourismus oetztal.com/biken

TRAILS, LINES & PUMPTRACKS

Von den 18 Naturtrails in der Bike Republic Sölden sind 15 ausschliesslich für Biker. Dazu gibt es acht Shaped Lines: fünf einfache Flow-Trails (perfekt für Trail-Einsteiger), zwei mittelschwierige Strecken und die anspruchsvolle Zaahe Line. In Sölden gibt es zwei Pumptracks: Den «Rollin» an der Talstation der Gaislachkoglbahn und den «Sunny» weiter vorne im Ort. 2018 werden die zwei grossen Bahnen, Gaislachkogl und Giggijoch, durch die neue «Hin & Heä»-Bike-Schaukel am Rotkogel miteinander verbunden. Dadurch wird die Republic deutlich erweitert und reicht bis auf eine Höhe von 2600 Metern.

Touren und Kartenmaterial:

Die besten Trails zwischen Ötz und Sölden findet man mit der Supertrail Map Ötztal. Karte kostet CHF 22.90, alle Infos und Bestellung: outdoormediashop.com

HÜTTEN & EINKEHREN, ÜBERNACHTUNG

Die Gampe Thaya liegt mitten in der Republic und ist eine fixe ­Institution. Bei Wirt Jakob bekommt man keine Cola und Currywurst, sondern hochwertige Speisen aus Eigenproduktion. Tipp: Nach einer Sonnenaufgangstour zum Frühstück auf die Gampe. 
gampethaya.riml.com

Ein Geheimtipp am Nordrand der Republic: Die Leiterbergalm liegt hinter Hochsölden direkt am Leiterberg-Trail (4,6 km / S2). Das Essen schmeckt hervorragend und die Aussicht von der Terrasse ist grandios.

Am Südende der Republic liegt die Goldeggalm am Nene Trail (4,3 km / S3). Sie ist der Bratkartoffelspezialist im Tal. bratkartoffelhuette.at

Die andere, lift-freie Talseite Söldens wird auch «Stille Seite» genannt. Hier heisst es noch selbst treten. Rund 600 Höhenmeter sind es hinauf zur schönen Stallwiesalm. Danach geht’s auf 
einem Naturtrail wieder ins Tal. stallwiesalm.at 

ÜBERNACHTUNG

Das stylische Vier-Sterne-Hotel Alpina liegt im Ortszentrum von Sölden und bietet unter anderem Bike-Guiding und Touren-Tipps vom Hotelchef, einen videoüberwachten Bikekeller, Waschplatz, Werkzeug und Wäscheservice für Bikebekleidung. Nach der Tour entspannen Gäste im Wellnessbereich und schlemmen beim Vier-Gänge-Menü, auf Wunsch speziell auf Sportler abgestimmt. mountainbike-oetztal.at 

Camper finden einen sehr guten Campingplatz unweit der Gaislachkoglbahn. camping-soelden.com

Weitere Unterkünfte über Mountain Bike Holidays bike-holidays.com