Der Kreis schliesst sich
Lukas Flückiger im Portrait

Text: Fridolin Engler
12.07.2021

KEINE ZEIT ZUM GRÜBELN

Im Herbst der Karriere alles auf eine Karte gesetzt, ein eigenes Rennteam gegründet – und den lokalen Bikeshop übernommen: Lukas Flückiger hat als Profi viele Höhepunkte erlebt und kam aus so manchem Emotionstief gestärkt zurück.
Dass im «Infinity-Bikeshop» der neue Chef selbst in der Werkstatt steht, scheint sich im Dorf herumgesprochen zu haben. Schon wieder öffnet sich die Türe und die Miene eines Kunden erhellt sich augenblicklich, als er Lukas an der Werkbank stehen sieht. Ein kurzes «Sälü, wie geit’s» aus der Distanz muss heute reichen. Denn neben der Arbeit im Shop steht noch eine zweite Trainingseinheit auf dem Tagesplan. Zudem möchte einer der Sponsoren eine Auswertung der letzten Social-Media-Aktivitäten und dann kommen die Kinder aus der Schule. Lukas weiss, wie man mehrere Eisen im Feuer auf Temperatur hält.

«Früher war das Profileben deutlich entspannter», sagt Lukas mit einem Schmunzeln. «Aber ich möchte mich für kein Geld der Welt mehr vor einen Karren spannen lassen, von dem ich nicht zu 100 Prozent überzeugt bin!» Mit seinen 37 Jahren ist er einer der ältesten Fahrer im Weltcup-Zirkus, und als er nach schwierigen Jahren zum Saisonende 2019 vor dem Nichts stand, entschied er sich, ein eigenes Team aufzubauen. Primär, weil sein Vertrag nicht erneuert wurde. Aber auch, weil nach wie vor das Feuer in ihm brennt und er insgeheim spürte, dass er noch immer einige Pfeile im Köcher hat.

Im Puzzle war ich oft selbst das fehlende Teil

Seine erfolgreichste Saison hatte Flückiger 2012. Den zweiten Platz beim Weltcup-Rennen im französischen Val-d’Isère bezeichnet er heute als sein bestes Rennen und den Vizeweltmeistertitel in Saalfelden als seinen emotionalsten Moment. «Bei einem Schweizer Dreifachsieg zusammen mit meinem Bruder Mathias auf dem Podest zu stehen, war unglaublich!», erinnert er sich. Zwar habe er noch weitere Erfolge feiern und sich über Jahre an der Weltspitze behaupten können, aber der «Killerinstinkt», um am Tag X den Sack zuzumachen, habe ihm häufig gefehlt. «Ich bin mir rückblickend oft selber im Weg gestanden, habe gegrübelt, anstatt einfach zu fahren», sinniert Luk heute. Trotzdem sei er glücklich über das Erreichte.

Inzwischen scheint aber alles anders. Kurz vor der Pandemie gründete er in unzähligen Telefonaten und mit einer wahren Flut an E-Mails sein eigenes Team. Er schaffte es, trotz einiger Turbulenzen und aus unvorteilhaften Startpositionen, seine jüngeren Konkurrenten reihenweise in Grund und Boden zu fahren.

Lukas Flückiger in Short

Mein Lieblingsbike …
Canyon Lux

Mein Lieblingstrail …
meine Hometrails in Ochlenberg oder alles um Stellenbosch herum

Mein Lieblingssong …
wechselt wöchentlich

Wenn ich Rapper wäre, wäre mein Künstlername …
«Luk de Fluck»

Bier oder Kaffee …
Kaffee bis am Mittag und danach gerne ein Bier

Pizza mit Ananas oder Gorgonzola …
Gorgonzola

Minigolfen oder Dart?
Dart! Ich kann vieles, aber Bälle lieben mich nicht

Homepage
lukasflueckiger.com
Foto: z.V.g.
Der Kreis schliesst sich   Lukas Flückiger im Portrait
Wie schafft es Lukas Flückiger, Rennzirkus, Familie und Bikeshop parallel zu managen – der Tag hat doch nur 24 Stunden? «Für mich ist das Ganze, auch für die kommende Saison, keine Frage der erhöhten Belastung, sondern der gemeinsamen Entlastung», lautet seine Antwort. «Aktuell fliegt mir so viel um die Ohren, dass ich keine Zeit zum Grübeln finde und das wirkt sich positiv auf die Resultate aus. Ich bin besser drauf, konnte gewisse Schwächen ausmerzen und habe den Kopf frei für das, was wichtig ist.» Im «Infinity-Team» arbeiteten die Sponsoren, seine Frau Fabienne, die Physiotherapeutin Camilla und er «so gut zusammen, dass sich jeder zu einhundert Prozent auf den anderen verlassen kann. Und zu Hause ist es wieder meine Frau, die mir den Rücken freihält.» So greife jedes Zahnrad ins andere.
«aktuell fliegt mir so viel um die Ohren, dass ich keine Zeit zum Grübeln finde.»
Aber klar, mit 37 Jahren steht langsam auch das Thema «Sportlerpension» im Raum. Seit Beginn des Jahres führen Lukas und seine Fabienne den Veloladen im Dorf. Übernommen haben die beiden das Geschäft von Luks Entdecker Bernhard Schneider, der ihn schon bei seinem ersten Rennen im Jahr 1994 unterstützt hat. Und genau wie es damals sein Förderer gemacht habe, will Lukas nach der Pandemie den Nachwuchs unterstützen und ein Team mit Nachwuchsfahrern auf die Beine stellen. «Für mich schliesst sich hier der Kreis meiner Karriere. Meine Faszination für das Mountainbike bleibt aber ungebrochen.» Das Rad dreht sich weiter, ganz nach Flückigers Motto – «Infinity».

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