«Es braucht Konzepte
für the new normal»
Interview mit Erwin Flury

14.08.2020

Digitale Vorteile mit analogem Event verbinden

Hygienekonzept, Abstandsregel und Quarantäne sind 2020 neu in den kollektiven Wortschatz aufgenommen worden. Viele Grossveranstaltungen wurden verschoben oder ersatzlos gestrichen – unter anderem auch die Bikedays Solothurn und das Urban Bike Festival in Zürich. Erwin Flury, Organisator von Bike Days und Urban Bike Festival und sein Team konzipierten kurzerhand eine digitale Version des Festivals und verlegten die Veranstaltung für die Besucher ins Internet. Ein voller Erfolg. Mit BORN diskutiert Flury über Konzepte für «the new normal».
Interview: Fridolin Engler
Die beiden grössten Events der Mountainbike-Schweiz mussten aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden. Was ist bei Euch im Büro nach dem Veranstaltungsverbot des Bundesrats vorgegangen?
Erwin Flury: Ich bin seit 1992 in der Eventbranche tätig, aber ein «Corona Szenario» hatte wohl niemand in der Schublade.

Ein milder Winter und ein früher Frühling liessen Sportler und Familien gespannt auf die Messesaison warten.
Nur vier Wochen vor der Veranstaltung war die Planung des Urban Bike Festival 2020 quasi abgeschlossen. Die Ausstellerflächen waren vermietet, die Verträge mit Show Acts und Lieferanten unterzeichnet, die Kommunikationskampagne produziert und das Programm gedruckt und publiziert. Alle Beteiligten standen in den Startlöchern und wir freuten uns, den Besuchern einen interessanten und abwechslungsreichen Event zu bieten.

Und dann kam die Hiobsbotschaft aus Bern.
Wir haben uns bereits eine Woche vor dem Veranstaltungsverbot zusammengesetzt und alternative Szenarien besprochen. Wir konnten uns nicht vorstellen einfach eine Nullnummer produzieren.

Wie kam es dann zum Entschluss - ein digitales Festival zu produzieren?
Zusammen mit meinen Geschäftspartnern Donald Nader und Thomas Eberle haben wir über die Möglichkeit einer Online-Version des Velo-Festivals diskutiert. Die Digitalisierung hat auch im Veranstaltungsbereich an Bedeutung gewonnen und wir haben uns auch schon sehr früh damit auseinandergesetzt. 

Der Entschluss muss aber sehr rasch gefallen sein, das Festival hat ja schlussendlich Anfang Mai stattgefunden.
Was uns zu Gute kam war, dass wir hochmotivierte Spezialisten engagieren konnten und mit der «Stadt Zürich» und «EKZ» tolle Hauptsponsoren an unserer Seite wissen. Die haben unser Vorhaben sofort nach der Ideen-Präsentation gestützt.

Wie haben die Aussteller auf die Absagen und die Neuausrichtung reagiert?
Gemischt. Das Spektrum reichte von vollstem Verständnis und grosser Wertschätzung, bis hin zu absolutem Unverständnis. Dass das Velo, gemäss Bundesrat, von Systemrelevant ist und mit Corona einen riesen Boom erlebte, konnte weder zum Zeitpunkt der Absage, noch der Neuansetzung jemand erahnen. 

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ALS LIVE-STREAM IM NETZ
Anstatt abzusagen entwickelte Erwin Flury und sein Team in kurzer Zeit ein digitales Konzept – Urban Bike Festival DIGITAL.
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ALS MODERATOR IN SEINEM ELEMENT
Erwin Flury (Mitte mit Mikro) veranstaltet seit 1992 Events. Er ist der Kopf hinter den Bikedays Solothurn und dem Urban Bike Festival in Zürich.
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SCHNELL UMGEPLANT
Das Urban Bike Festival wurde zum digitalen Projekt – mit riesigem Erfolg. Insgesamt 80 Personen waren hier vor und hinter den Kameras beteiligt.

«30'000 Unique Visitors an den Liveübertragungen
und seither 600'000 Unique Views  – damit hatt niemand von uns gerechnet»

Gibt es Rückmeldungen und Zahlen zum Urban Bike Festival Digital 2020?
Wir haben sehr viele positive Rückmeldungen erhalten. Von Endkonsumenten ebenso wie von vielen Ausstellern. Selbstverständlich hat nicht alles perfekt geklappt, aber der eine oder andere Versprecher sorgten am Set wie auch an den Bildschirmen für Lacher. Zu den Zugriffszahlen lässt sich sagen, wir während der Liveübertragung der beiden Festival-Tagen 30'000 «Unique Visitors» verzeichneten. Die hochgeladenen Videos verzeichneten einen Monat nach dem Event unglaubliche 600'000 «Unique Views». Damit hatte niemand von uns gerechnet!

Die Liveübertragung bot für alle etwas und hat vor «Velo-Prominenz und -Kompetenz» nur so gestrotzt. Wer hat alles mitgewirkt?
Wir haben davon profitiert, dass aufgrund der weltweiten Situation viele Top-Spezialisten aus allen Bereichen «frei waren». Für die TV-Produktion konnten wir auf die besten Leute der Branche zählen und bei den Talkgästen konnten wir Koryphäen aus der Branche und der Politik gewinnen. Den sportlichen Teil deckten Stars wie Fabio Wibmer, Fabian Cancellara, Fabian Bösch und die Schweizer Radquer-Elite ab. Das wäre in einem «normalen Jahr» so nicht möglich gewesen. Insgesamt haben über 80 Leute zum Erfolg des digitalen Festivals beigetragen.

Wie werden sich die gesammelten Erfahrungen auf zukünftige Messen auswirken?
Wir veranstalten seit 1992 Events und das Motto war immer: «Wir möchten etwas bewegen!» Der Planung für 2021 deuten darauf hin, die Vorteile der digitalen Veranstaltung mit denjenigen des analogen Events zu verbinden. Das ist natürlich eine Herausforderung und verlangt neben Spezialisten auch Partner, die uns auf diesem Weg begleiten. Aber wir sind überzeugt, dass wir passende und engagierte Partner dafür begeistern können. Die Fahrradbranche erfindet sich seit Jahrzehnten immer wieder neu und strotzt nur so vor Ideen. Das Velo wird weiter an Bedeutung gewinnen und dabei ein immer breites Publikum finden und dafür machen wir Events. Live vor Ort als Treffpunkt für Aussteller und Konsumenten und im Netz als Informationsplattform und Dienstleistungskanal.

Wie wird das Jahr 2021 aussehen?
Wir stehen mitten in der Planung von hybriden Events. Die Konzepte werden sich an das «the new normal» halten und unter Einhaltung der dann geltenden Regeln durchführbar sein.
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DIGITALER PROFI
Bei digitalen Formaten ist er der King: Bike-Pro und Youtube-Star Fabio Widmer. Mehr als 5,3 Millionen Menschen haben seinen Kanal abonniert.